Live hören
Jetzt läuft: Malibu marina von Monte La Rue

Anonyme Zuhörer am Telefon

Ehrenamtliche Mitarbeiterin im Beratungssgespräch bei der Telefonseelsorge

Service Psychologie - Telefonseelsorge

Anonyme Zuhörer am Telefon

Von Lisa Weitemeier

Wenn man einmal gar nicht weiter weiß und niemand da ist, kann ein Telefongespräch helfen. Seit knapp 60 Jahren arbeitet die Telefonseelsorge in Deutschland und garantiert absolute Anonymität und Verschwiegenheit.

Die Telefonseelsorge boomt: Immer mehr Menschen wissen nicht, wohin mit ihren Sorgen und Ängsten – und wenden sich per Telefon an wildfremde Menschen. Menschen, die zuhören, trösten und nachfragen. Der Vorteil: Sie bleiben vollkommen anonym.

Es ist mitten in der Nacht, das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung: Ein Soldat, der aus dem Ausland zurückkehrt und erfährt, dass seine Freundin ihn betrügt. Ein Mädchen, das von seinem Vater missbraucht wird. Eine Frau, die seit Tagen mit niemandem mehr gesprochen hat oder auch ein Rentner, der einfach mal über seinen Nachbarn schimpfen will. Keiner von ihnen sucht einen Therapeuten, keiner einen Arzt - alle suchen einfach ein offenes Ohr.

Seelsorge ist keine Beratung

Genau hier setzt die Telefonseelsorge an: Rund um die Uhr leisten Ehrenamtliche Erste Hilfe in Krisensituationen. Hören zu, trösten, beruhigen – doch ohne den Anspruch, Probleme zu lösen, zu beraten oder Perspektiven aufzuzeigen: "Ich glaube, die große Chance der Seelsorge ist, dass sie einfach mit aushält. Das ist ein großer Trumpf hier. Ich kann in den Kontakt kommen, ohne dass ich verändert rausgehen muss“, erklärt Pastor Ulf Steidel, Leiter der Telefonseelsorge in Düsseldorf. "Das ist in Beratung und Therapie nicht immer so.“

Geübtes Zuhören

Anders als dort arbeiten bei der Telefonseelsorge auch keine Fachkräfte, sondern Ehrenamtliche, die zwei Jahre lang zum Telefonseelsorger ausgebildet wurden. Etwa 15 Stunden im Monat widmen sie sich dann den Nöten und Sorgen fremder Menschen. "Das ist ein wichtiger Faktor für viele Anrufer“, glaubt Ulf Steidel: "Sie stoßen hier auf keinen Therapeuten, auf keinen Arzt, sondern treffen auf einen geneigten Mitmenschen, der mir Zeit zur Verfügung stellt und sich geübt hat im Zuhören.“

Krisenfelder

Aber nicht nur das. Teil der Ausbildung ist es auch, Wissen über verschiedene Krisenfelder zu bekommen, die Anrufer immer wieder ansprechen: Was geht in einem Menschen vor, der sich umbringen will – und wie gehe ich mit ihm um? Wie mit einem psychisch Kranken, wie mit einem Kind, das missbraucht wird? Auch nach der Ausbildung sind regelmäßige Weiterbildungen und Supervisionsrunden Pflicht – etwa, um besonders belastende Telefonate zu besprechen. Ansonsten ist Verschwiegenheit höchstes Gebot: Alle Telefonseelsorger unterliegen der Schweigepflicht. 

Anonymität am Telefon und im Netz

Sie bleiben anonym, wie die Anrufer auch. Das Display der Telefonseelsorge zeigt keine Nummer an. Auch im Einzelverbindungsnachweis der Telefonrechnung erscheint der Anruf nicht, da er kostenlos ist. Anfallende Gesprächskosten übernimmt die Telekom. Mittlerweile ist die Telefonseelsorge aber nicht nur übers Telefon, sondern auch im Internet erreichbar – im Chat oder per Mail. Auch hier ist Anonymität gewährleistet: Wer Hilfe sucht, kann sich auf dem Server der Telefonseelsorge anonym einen Account anlegen, ohne seine E-Mail-Adresse angeben zu müssen. Zwar wird die gesamte Kommunikation ohnehin verschlüsselt – wer möchte, kann aber zusätzlich einen Anonymisierungsdienst nutzen und so sämtliche Datenspuren verwischen.  

Die Telefonseelsorge wird von der evangelischen und katholischen Kirche getragen und vorwiegend aus Kirchensteuer-, Steuermitteln und Spenden finanziert. Sie ist aber ausdrücklich nicht nur ein Angebot für christliche Anrufer, sondern offen für Menschen aller Konfessionen und Weltanschauungen.

Telefonnumern der Telefonseelsorge:
0800/1110111
0800/1110222

Redaktion:
Ruth Schulz

Stand: 16.10.2014, 16:05

Weitere Themen