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Ein Element schreibt Weltgeschichte

Buchcover: "N. Stickstoff - ein Element schreibt Weltgeschichte"

Service Sachbuch - Stickstoff

Ein Element schreibt Weltgeschichte

Von Anne Preger

Das Element Stickstoff war schon immer ein Machtfaktor. Es bestimmte, wie viel ein Land erntete und wie viel Krieg es führen konnte. Der Traum von unbegrenzt verfügbaren Stickstoff wurde wahr - und in vieler Hinsicht zum Albtraum.

Stickstoff ist ein lebenswichtiges chemisches Element. Es steckt in den Bausteinen sämtlicher Lebewesen auf der Erde. Weil es so lebensnotwendig ist, hat es immer schon einen Wettkampf darum gegeben, sich möglichst viel davon anzueignen.

Informationen zum Buch

N. Stickstoff - ein Element schreibt Weltgeschichte
Gerhard Ertl, Jens Soentgen
oekom verlag GmbH, 2015, 272 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-86581-736-5
24,95 € (gebunden) oder 19,99 € (E-Book)

Allianzen mit einzigartigen Partnern

Die Natur hat ganz unterschiedliche Strategien entwickelt, mit dem Mangel an Stickstoff umzugehen. Viele Pflanzen sind extrem gut darin, dem Boden Stickstoff zu entziehen. Andere Pflanzen gehen Allianzen ein. Klee und andere Hülsenfrüchtler leben mit Bakterien, die den entscheidenden Trick drauf haben: Sie können Luftstickstoff in eine Form bringen, mit der alle Lebewesen etwas anfangen können. Was die Natur sich alles einfallen lässt, um an die Ressource Stickstoff heranzukommen, ist an sich äußerst faszinierend. Doch leider vermittelt das der neue Band aus der Reihe "Stoffgeschichten" des oekom-verlages nur bedingt. Denn die Grundlagen-Kapitel im Buch dazu sind für Menschen ohne tiefgehendes Wissen im Bereich Biochemie nahezu unverständlich.

Pulver verschossen

Deutlich mehr Lesevergnügen bieten die Kapitel mit historischem Bezug. Die Leser erfahren, wie bedeutend früher Salpeterer waren, ein heute vergessener Beruf. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein ernteten sie stickstoffhaltige Salpetersalze, die durch natürliche Prozesse entstanden. So sorgten sie mühsam für Nachschub an Schießpulver. Der Mangel an passenden Stickstoffverbindungen begrenzte die Kriegsführung und die Ernten auf den Feldern.

Brot aus der Luft - Tod aus der Luft

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts tobt ein Wettkampf darum, ein Schlaraffenland für Stickstoff anzuzapfen: unsere Luft. Der Stickstoff darin ist chemisch träge. Mit ihm lassen sich weder Felder düngen, noch Kanonen zünden. Doch unter enormen Einsatz von Energie schafft der deutsche Chemiker Fritz Haber es, Luftstickstoff in eine nutzbare Form zu überführen. Carl Bosch bringt das Verfahren 1913 aus dem Labor in die Werkhalle. Die entsprechenden Kapitel vermitteln, wie unterschiedlich die beiden Chemiker mit ihrer historischen Verantwortung umgehen. Denn das Haber-Bosch-Verfahren bringt nicht nur heißersehnten Dünger und große Ernten, sondern auch große Zerstörung.

Überdosis N

Anschaulich berichtet der Historiker Sandro Fehr, wie sich durch die so verfügbare Munition der erste Weltkrieg in die Länge zieht. Doch nicht nur in Kriegszeiten entwickelt sich der Traum vom unbegrenzt verfügbaren Stickstoff zum Albtraum.

Was die Überdosis Stickstoff in der Natur überall anrichtet und welche Konsequenzen das wiederum für die Menschen hat, schwant Fachleuten erst nach und nach. Davon berichtet der US-Wissenschaftshistoriker Hugh S. Gorman in seinem Kapitel detektiv-spannend und anschaulich. Den Abschluss des Buchs bildet eine Zusammenstellung von Anleitungen für konkrete Experimente rund um das Element mit der Ordnungszahl Sieben.

Kapitel überspringen

"Stickstoff - ein Element schreibt Weltgeschichte" ist eine Aufsatzsammlung, herausgegeben vom Chemie-Nobelpreisträger Gerhard Ertl und dem Philosophen Jens Soentgen. Insgesamt bringen 21 Autoren ihr Fachwissen ein. Leider schreiben nicht alle in einer Form, die für Laien verständlich ist. Wer Sachbücher gerne häppchenweise liest, wird sich über gewisse Dopplungen im Buch eventuell freuen. Leser sollten überlegen, nur die Kapitel zu lesen, die für sie verständlich sind. Ob das der Fall ist, verrät meist schon die erste Seite eines Aufsatzes. Die Einleitung des Bandes empfiehlt sich, erst zum Schluss zu lesen. Sonst geht viel von der Spannung verloren. Insgesamt hätte mehr Mut, sich von Fachbegriffen zu lösen, dem Buch gut getan. So vermittelt sich die Begeisterung für das Element Stickstoff wohl in erster Linie denjenigen, die sowieso schon eine Vorliebe für Wissenschaft haben.

Redaktion:
Anna Sebastian

Stand: 19.10.2015, 09:00