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04.10.1883 - Jungfernfahrt des Orient-Express

Karte des Orient Express von 1919 - 1939

ZeitZeichen

04.10.1883 - Jungfernfahrt des Orient-Express

Von Claudia Friedrich

Am Nachmittag des 4. Oktober 1883 verließ er Paris mit dem Ziel Konstantinopel und wurde zur Legende auf Schienen: der Orient Express.

Dass er auf seiner Jungfernfahrt kurz in Bulgarien endete und die letzte Strecke per Schiff erfolgte, störte die 40 Passagiere wenig. Erst seit 1889 ging die Reise ohne Unterbrechung bis Istanbul.  

Mit dem Orient-Express begann eine neue Ära des Eisenbahnverkehrs. Schluss  mit harten Bänken und schlecht riechenden Wagons. Bereits das Premierenpublikum saß auf Samtsofas, schlief auf Seidenlaken, aß Seezunge mit Silberbesteck und trank aus Kristallgläsern, während die Dampflok den Zug durch sämtliche Länder zog, ohne Unterbrechung.

Orient-Express: König der Züge und Zug der Könige

Der Orient-Express gilt bis heute als der König der Züge und als der Zug, mit dem Könige reisten. Er machte die Eisenbahn zum Hotel. Am 4. Oktober 1883 ging der erste europäische Luxuszug auf offizielle Jungfernfahrt.

Der Orient-Express ist ein Mythos, der durch Filme, Comics und Romane fährt. Im ersten Zug saßen Diplomaten, Bahnbeamte, Schriftsteller, Journalisten. 40 Männer, keine Frau. Zu gefährlich, hieß es. Die Herren sollten Revolver bei sich tragen, befand der Direktor, denn die Reise führte durch Krisengebiete.

So wie die französische Wochenzeitung l’Illustration den Orient-Express darstellt, genauso muss er auf seiner Premierenfahrt ausgesehen haben. In diesem Zug mit einer Dampflok an der Spitze begab sich die illustre Gesellschaft auf Premierenfahrt gen Konstantinopel.

Die Geschichte begann in Luxus pur. Ein Komfort, der für die normale Bevölkerung wie auch die Bediensteten alles andere als selbstverständlich war. Fließendes, warmes Wasser, kühle Getränke, frische Speisen, Heizung, Licht gehörte zum Standard des Orient-Express.

Die Wagons standen auf modernen Laufwerken mit Drehgestellen. Vorbei das Fahrgefühl einer Postkutsche, hart und ruppig. Postkarten wie die englische Fotografie aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg feiern den König der Züge in schillernden Farben, auch wenn die Wagons aus Teakholz bestanden.

Der belgische Ingenieur Georges Nagelmackers gründete in den 1870er Jahren die Compagnie Internationale des Wagons-Lits (CIWL), die Internationale Schlafwagengesellschaft, verhandelte mit acht verschiedenen Eisenbahngesellschaften und stellte den ersten Luxuszug Europas auf die Schienen.

Der König der Züge ist entthront. Im Eisenbahnmuseum Bochum steht ein fast vergessener Teakholzwagon. Dem Museums-Publikum bleiben die Türen vorerst verschlossen. Doch auch wenn der besten Zeiten vorbei sind, umgibt den Speisewagen eine Aura des gewesenen Komforts.

Eine einfache Fahrt mit dem Orient-Express kostete rund vier durchschnittliche Monatsgehälter. Das Gepäck reiste in einem extra Wagon, der elfmal so groß war wie diese Nachbildung einer Modellbahn.

In der Modellbahn-Ausstellung in Wiehe dauert die Fahrt von Paris bis Istanbul rund 15 Minuten. Das Original brauchte um die drei Tage bis zum Ziel, die Hauptstadt des Osmanischen Reiches Konstantinopel, das seit 1924 Istanbul heißt.

Auch wenn der Orient-Express nie in den Orient fuhr, bediente er die Erwartungen seiner Gäste nach fernen Ländern. Plakate warben mit Exotik pur, stilisierten die Stadt am Bosporus zum Sehnsuchtsort. Für die meisten blieb die Reise ein Traum auf dem Plakat.

Im Februar 1929 berichtete die französische Wochenzeitung l’Illustration von Schneemassen, die den Simplon-Orient-Express, einen Abkömmling des Orient-Express, fünf Tage unter sich begruben, rund 80 Kilometer nördlich von Istanbul.

Angeblich inspirierte der Zwischenfall Agatha Christie zu ihrem Roman "Mord im Orient-Express", erschienen 1934. Auf ihren Reisen nahm die Krimischriftstellerin immer wieder den Orient-Express. Vom Palast auf Rädern zog sie ins Pera Palace Hotel, mitten ins Diplomatenviertel von Konstantinopel.

"Mord im Orient-Express" inspirierte Hans-Jörg Stiegler zu seinem Lebenswerk. Vor 25 Jahren begann er das Modell des Luxuszuges aufzubauen.

Auch ein amerikanischer Reeder und Multimilliardär ließ sich vom Orient-Express inspirieren. James B. Sherwood ersteigerte Luxuswagons, die im Stil der Belle Epoque umgebaut wurden. Bis heute betreut Personal in Uniform gut betuchte Passagiere, die von London nach Paris, Venedig, manchmal auch Istanbul reisen.

Seit Mai 1982 verkehrt Sherwoods Venice Simplon Orient-Express auf touristischen Strecken. Statt 100 Stundenkilometer, die sein mit Dampf getriebenes Vorbild schaffte, erreicht der Nostalgie-Luxuszug rund 160 km/h.

Das Original steht auf dem Abstellgleis. Vielleicht saßen hier ausgerechnet Josephine Baker oder Greta Garbo, Zar Ferdinand von Bulgarien oder Kaiserin Sissi, einer der vielen Opiumschmuggler oder Mata-Hari, die Spionin.

Der letzte Passagier: Walter Thomassen vom Eisenbahnmuseum Bochum. Eine Restauration kostet Zeit, Geld, Geschick, sagt der Pressesprecher. Doch ist der Wagon generalüberholt, dann wird er eine Perle sein. Eine Legende ist er ohnehin.

Was sich die EU seit den 1980er Jahren schwer erarbeitet, war im Orient-Express 100 Jahre vorher Wirklichkeit: das Reisen ohne Grenzkontrollen. Fließendes Wasser und künstliches Licht gehörten zur Ausstattung, ein Komfort, von dem viele Menschen in ihrem Zuhause nur träumen konnten.

Im Mai 1977 verließ der Zug ein letztes Mal Paris gen Istanbul.

Redaktion: Ronald Feisel

Orient-Express, Jungfernfahrt (am 04.10.1883)

WDR ZeitZeichen 04.10.2018 14:49 Min. WDR 5

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Stand: 07.08.2018, 14:26