68er Aufstand im Siegener Lyzeum

Zeitungsausschnitt

68er Aufstand im Siegener Lyzeum

Im Herbst 1969 macht die kleine Stadt Siegen bundesweit Schlagzeilen: Denn es kommt zu einem Streik. Nicht von Stahlarbeitern vor Werkstoren, sondern von Schülerinnen des Mädchengymnasiums. Anke Bösenberg blickt zurück.

Der Umbruch der 68er Bewegung ist im vollen Gange. Apo und Studentenproteste in Berlin rütteln die Gesellschaft wach. In dieser Situation werden auch die 800 Mädchen des Siegener Lyzeums politisch. Das war eine Schule wie viele Ende der 1960er Jahre. Die Lehrer hatten das Naziregime noch miterlebt. Das Schulsystem war autoritär. Eine höhere Töchter-Schule mit einer strengen Direktorin, die durchgriff. Es brodelt schon lange vor dem Streik in Siegen – nicht nur im Lyzeum.

Demonstrierende Studenten der 68er Bewegung

Studentenproteste im Jahr 1968

1968 gibt es Proteste gegen den NPD-Parteitag in Siegen. Studenten der Pädagogischen Hochschule gehen in Siegen gegen die Notstandsgesetzgebung auf die Straße. Eine Zeit im Umbruch. Auch die Mädchen politisieren sich, treffen sich mit Gleichgesinnten im linken „Republikanischen Club“. Die Stimmung ist aufgeladen. Und plötzlich knallt es im braven Lyzeum. Ein Flugblatt machte die Runde mit der Überschrift: mir stinkt die Schule. Und mit dem Angebot des Republikanischen Klubs, zu diskutieren über Hausaufgaben, Schulregeln, Lehrpläne.

Schülerinnen legen Lyzeum lahm

Schülermitbestimmung, eine demokratische Schule und den Rücktritt der Direktorin: Dafür treten die 800 Schülerinnen des Mädchengymnasiums im Herbst 1969 eine Woche in den Streik. Die Presse berichtet bundesweit. Die Schülerinnen konnten ihren Erfolg kaum fassen: “Dass wir wirklich was erreichen können, wo wir nie dran geglaubt haben,“ erinnert sich zum Beispiel Anne Osther, “dass unsere Direktorin tatsächlich zurück tritt, das war ja nicht abzusehen.“

68er Aufstand im Siegener Lyzeum

WDR 5 Westblick - Stadtgeschichten 29.11.2019 04:50 Min. Verfügbar bis 28.11.2020 WDR 5

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Nach einer Streikwoche schlägt die Nachricht ein wie ein Blitz: Die Direktorin tritt zurück und das Schulamt ist bereit, alle anderen Forderungen nach mehr Schülerbeteiligung im Lyzeum zu erfüllen. “Dass das, was man vorher von den Studentenprotesten mitbekommen hat, auf einmal in Siegen war und dann im Mädchengymnasium, das war eine irre Geschichte!“ Und eine Lehre fürs Leben: Wenn man gemeinsam kämpft, kann man etwas erreichen.

Stand: 19.11.2019, 15:08