Stadtgeschichten: Coesfeld in 68er Aufruhr

Titelblatt Schülerzeitung Splitter von 1968

Stadtgeschichten: Coesfeld in 68er Aufruhr

Das Jahr 1968 – Jahr des Umbruchs und der Studentenunruhen. Auch in Coesfeld, in der westfälischen Provinz, gärte es. Für Aufruhr sorgte das "Kapitalistische Vaterunser" in der Schülerzeitung des Jungengymnasiums Nepomuk.

Zuerst veröffentlich vom Sozialistischen Studentenbund in Berlin sorgte diese Parodie des christlichen Bekenntnisses für Furore, als es in der Schülerzeitung "Splitter" des Gymnasiums Nepomucenum, kurz Nepomuc, erschien. Denn der Direktor stoppte den Verkauf der Zeitung, um ja nicht die religiösen Gefühle der Eltern zu verletzen. Das Wort des Schuldirektors hatte in Coesfeld Gewicht. Aber: "Die Büchereien und die Buchhandlung, die Zeitung haben den Splitter dann `rausgenommen aus der ihrem Angebot. Also sind die Menschen in Coesfeld, die Bürger, nicht nur die Eltern der Schüler, auf dieses Gedicht oder diese Parodie aufmerksam geworden." Erinnert sich Ludger Wachsmann, damals Lehrer am Nepomuc. "Wenn er auf das Gedicht eingegangen wäre, dann wäre diese Aufregung nicht entstanden."

Verkaufsverbot weckt Widerstand

Deutschland in den 1960ern: Autorität wird noch groß geschrieben, zumal an einem altsprachlichen Jungengymnasium tief im erzkatholischen Münsterland. Die Schülerzeitungs-Redaktion hatte sich bislang nicht als übermäßig aufmüpfig hervorgetan und gar versucht, sich abzusichern. Zitat aus der Schülerzeitschrift "Splitter" Nr. 13 von 1968: "Die Frage: Was halten Sie davon? Über dem "Kapital unser" sollte den Text als Diskussionsbeitrag kennzeichnen," so Wachsmann, "ein "Quellennachweis" unten auf der entsprechenden Seite sollte den Sachverhalt klarstellen. Urheber: SDS, NICHT Redaktionsmeinung." Das Verkaufsverbot allerdings trieb die Nachwuchsjournalisten und schließlich die ganze Schule auf die Barrikaden.

Coesfeld im Visier der Medien

Vater Unser, mit abgeänderten Text

Dieses Gedicht löste den Sturm aus

Und dann, so der damalige Chefredakteur Harald Blacha, "ist die Presse ist aufmerksam geworden, die DPA hat dieses Ereignis verbreitet, und das führte dann zu entsprechenden medialen Konsequenzen." Die regionalen Medien, aber auch die ZEIT, die Rheinische Post und der WDR berichteten über den Zensurversuch am Nepomuc. Coesfeld sah sich urplötzlich im Auge eines Mediensturms. Das Verbot wurde zum Politikum: Denn wenige Tage, bevor der Direktor den Verkauf der Schülerzeitung verbot, hatte das Kultusministerium des Landes NRW einen brandneuen Erlass herausgebracht. "Die Herausgabe einer Schülerzeitung unterliegt nicht der Genehmigung durch den Schulleiter oder die Schulaufsichtsbehörde. Eine Zensur findet nicht statt." Vom WDR befragt, wie er damit umgehen würde, habe der Direktor gesagt: "Selbst wenn er den Erlass gekannt hätte, hätte er dagegen gehandelt." So Harald Blacha. "Das führte dann zu weiterem Aufruhr." Und zu sensationellen Verkaufszahlen der Schülerzeitung sowie nach und nach zu einer echten Streitkultur am Nepomuk, die in jenen Frühlingstagen des Jahres 1968 ihren Anfang nahm.

Weitere Informationen:

Mehr als dagegen:

Die Geschichte um das "Kapitalistische Vaterunser" am Coesfelder Jungengymnasium Nepomucenum, das sich erfolgreich gegen Zensur und Willkür wehrte, ist ein Kernstück der LWL Ausstellung: #Mehr als dagegen. Sie eröffnet am 8. Juni in Lemgo im Hexenbürgermeisterhaus und läuft bis zum 16.9.2018

Mit dem Thema 1968 in der Provinz gibt es auch eine Ausstellung im Ziegeleimuseum Lage:

Stand: 05.06.2018, 13:21