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Neonazi-Demo in Dortmund: "Einfach mal den Stift liegen lassen"

Aufmarsch Neo-Nazis Dortmund

Neonazi-Demo in Dortmund: "Einfach mal den Stift liegen lassen"

Von Dirk Planert

In Dortmund haben am Wochenende (23.09.2018) Neonazis demonstriert und damit bundesweites Aufsehen erregt. Zuviel des medial Guten, sagt unser Autor. Ein Kommentar:

"Neonazis marschieren unbehelligt!", solcherart Überschrift legt den Gedanken nahe: diese Typen könnten in Dorstfeld machen, was sie wollen. "Neonazis feiern eine Machtdemonstration!" das würde bedeuten, die Rechtsextremen hätten Macht. Beides ist falsch, finde ich, zum Glück.

Selbstkrititisches Nachdenken bei der Polizei

Es waren 80 Polizisten vor Ort. Die Polizei hat inzwischen eingestanden - vielleicht waren wir zu wenige! Und sie hat jetzt ein Nachbereitungsteam. So heißt das im Amtsdeutsch. Ich formuliere es mal anders: Die wissen und sagen offen: das hätte besser laufen können, vielleicht haben wir Fehler gemacht, das sehen wir. Offenes selbstkritisches Nachdenken der staatlichen Gewalt: Find ich super.

Neonazis hätten erfolgreich geklagt

Aber was ist mit diesem widerwärtigen Satz, den die Neonazis im Chor gegrölt und so ihre judenfeindliche Gesinnung manifestiert haben? Dieses "Wer Deutschland liebt, ist Antisemit"? Man stelle sich vor, die Demo wäre deshalb sofort beendet worden. Sicher, ein Sieg für die Demokratie, aber nur für diesen einen Abend. Die Neonazis hätten vor Gericht geklagt und mit höchster Wahrscheinlichkeit gewonnen. Die Staatsanwaltschaft Dortmund sagt nämlich, Stand heute: Dieser Satz ist keine Staftat.

Ein Gericht hätte also den Neonazis Recht geben müssen. Wer kann das wollen? Dann hätten sie es nämlich direkt auf Banner drucken lassen für die nächste Demo. So kann die Polizei diesen Satz in die Verbotsauflagen schreiben. Das geht. Der harte Kern der Dortmunder Neonazis, das sind grade mal rund 70 braune Vollidioten. Das ist beileibe nicht Dortmund. Wir sind Vielvölkerstadt. Das ist schön so.

Zu düsteres Bild von Dortmund

Aber in den Medien entsteht ein düsteres Bild, gerade vom Stadteil Dorstfeld. Und das kritisiere ich, gerade als Journalist: Wir, “die Medien“ nämlich, sind mit verantwortlich dafür, dass die Neonazis ihre jüngste Demo wieder als Erfolg feiern können. Schlagzeilen sind ihre Währung. Ich sage nicht, wir sollen braune Aktivitäten verschweigen.

Weniger Aufmerksamkeit "braunen Vollidioten"

Ich sage aber ganz klar - es ist den Versuch wert, Neonazidemos zu beobachten, aber eben nicht ausführlich zu berichten. Am besten – finde ich - kein einziges Wort verlieren über dieses Pack. Journalisten vereinigt Euch - und lasst uns das Gegenteil tun von dem, was die Feinde unserer Demokratie wollen: Eben keine bunten Bengalofotos und Schlagzeilen über deren vermeintliche Macht veröffentlichen. Einfach mal den Stift liegen lassen.

Dortmund-Dorstfeld: Zentrum der Neonazi-Szene

WDR 5 Morgenecho - Interview 24.09.2018 04:48 Min. Verfügbar bis 23.09.2019 WDR 5

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Stand: 24.09.2018, 16:45