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Kommentar: Wertedialog nach Tumulten im Düsseldorfer Rheinbad

Asli Sevindim (l-r), Moderatorin, Serap Güler, Staatssekretärin  und Joachim Stamp (FDP), Minister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration, beteiligen sich an der Veranstaltung "Werte-Dialog".

Kommentar: Wertedialog nach Tumulten im Düsseldorfer Rheinbad

Von Benjamin Sartory

Die Tumulte im Düsseldorfer Rheinbad schlagen weiter hohe Wellen. Drei Mal wurde das Freibad im Sommer von der Polizei geräumt. Gestern Abend dann gab es neben dem Rheinbad einen sogenannten Wertedialog der Landesregierung. Ein Kommentar:

Oh, oh, oh. Was wir Medien, Polizei, Politik und Gesellschaft da in den letzten Wochen in Sachen Rheinbad für ein Hickhack veranstaltet haben, hätte ich vor ein paar Jahren noch nicht für möglich gehalten.

Was ist passiert?


Drei Mal gab es in dem Düsseldorfer Freibad Ärger. Wie wir hinterher vermuten müssen, in unterschiedlicher Ausprägung. Aber alle drei Male fühlten sich Menschen bedroht. Da darf man die Polizei rufen.

Bild von Benjamin Sartory

Benjamin Sartory


Die und auch die Bädergesellschaft sprachen nach den ersten Vorfällen von Jugendlichen, die nordafrikanisch oder arabisch aussahen. Nach dem dritten Mal wollte die Polizei erst nichts zur möglichen Herkunft sagen – auch weil wieder kaum Pässe kontrolliert wurden. Doch bei Twitter und allen anderen sozialen Netzwerken begann schon die mittlerweile übliche Hetze. Dem WDR wurde zum Beispiel wieder einmal vorgeworfen, etwas zu verheimlichen. Um die Gerüchte zu stoppen, gaben wir Medien, ich auch, den Druck hektisch an die Polizei weiter. Sagt uns jetzt wer das war! Bis sie schließlich das übereilte Zitat freigab, es habe sich um „Jugendliche, augenscheinlich mit Migrationshintergrund nordafrikanischen Typus“ gehandelt. 

Kölner Silvesternacht 2.0


Und da war es da das Bild: Kölner Silvesternacht, Düsseldorfer Maghreb-Viertel, Rheinbad. Überall nordafrikanische Horden.


In der Woche danach schwenkte dann der Empörungs-Tanker in die Gegenrichtung um, auch in der Berichterstattung - auch im WDR. Die Rädelsführer hätten außerdem deutsche Pässe, betonte die Stadt Düsseldorf jetzt. Es sei auch alles gar nicht so schlimm gewesen, meinte plötzlich Oberbürgermeister Geisel. Der Schwimmmeister, der auf der Veranstaltung gestern erzählte, dass man ihm während der Arbeit auch schon mal androht, ihn anzuzünden, wird das anders sehen.


Wenn man der Polizei glauben will, gibt es folgende Fakten nach drei Freibad-Räumungen: Insgesamt gab es zwei Anzeigen gegen Iraner, eine gegen einen Mann, der sowohl die nigerianische als auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt und zwei gegen Deutsche, die aber mit der eigentlichen Jugendgruppe nichts zu tun gehabt haben sollen. Wenn man daraus irgendeine Erkenntnis ziehen will, dann eigentlich nur diese: Ein Nordafrikaner war nicht dabei.

Das "Hick-Hack" um das Düsseldorfer Rheinbad

WDR 5 Westblick - aktuell 23.08.2019 03:38 Min. Verfügbar bis 22.08.2020 WDR 5

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Halbwahrheiten bestimmen die Diskussion


Dennoch lud die Landesregierung für den Bürgerdialog gestern dann einen in Marokko geborenen Sozialarbeiter als Experte für nordafrikanische Jugendliche ein. Sei es drum. Immerhin war die Diskussion tatsächlich sachlich und differenziert. Aber es waren halt nur rund 60 Leute da. Die Sache ist durch, die Schubladen auf allen Seiten sind gefüllt mit Halbwahrheiten und fest verschlossen.


Ich glaube wirklich, dass wir ein Problem haben. Das Gift der Twitter- und Facebook-Empörung wirkt nämlich. Gesellschaft, Politik, Behörden und Medien reagieren auf den Druck radikaler Minderheiten verschiedener Seiten und treffen nervöse Fehlentscheidungen. Und damit wird die Hetze nicht nur verbreitet, sondern auch angefeuert. Ganz egal, ob man nun lückenhaft gegen sie berichtet oder sie lückenhaft bestätigt.

Was kann man tun?


Raus aus den Social Media-Kanälen und eine analoge Runde um den Block gehen. Ich wohne in der Düsseldorfer Bahnhofsgegend. Dort gibt es Probleme. Momentan verkaufen Afrikaner dort ziemlich offensichtlich Drogen. Mich nervt es total, dass die Polizei das nicht in den Griff kriegt.


Aber für was soll das ein Beleg sein? Im selben Viertel helfen uns ja auch völlig unkriminelle Afrikaner, den Kinderwagen in die Bahn zu hieven. Meine Kinder kriegen immer was Süßes vom türkischen Büdchenmann. Die griechische Schneiderin hat immer Zeit für ein Schwätzchen und der schwäbische Zappes aus meiner Lieblingsbrauerei nimmt das erste Alt auf seinen Deckel.


Das ist die große, normale Mitte – die man nicht im Stich lassen darf. Das Hin- und Her der Empörungswellen von rechts und von links, die wie beim Düsseldorfer Rheinbad beide nicht die Wahrheit treffen, löst bei dieser stillen Mehrheit nur noch Kopfschütteln aus. Denn sie bekommt weniger Raum, als die radikalen Minderheiten. Ich finde das gefährlich.

Stand: 23.08.2019, 11:52