Kommentar: Unternehmen müssen flexibler werden!

Ein Wecker der IG Metall steht am 08.01.2018 zu den Auftakt-Warnstreikversammlungen vor den Toren der Firma Kirchhoff

Kommentar: Unternehmen müssen flexibler werden!

Für viele Unternehmen ist der Wunsch nach qualifizierten Teilzeit-Jobs ein großes Problem. Doch die Betriebe müssen gut überlegen, ob sie sich diesem Trend verweigern können, meint Stefan Lauscher in seinem Kommentar.

Die Gesellschaft verändert sich. Und sie tut es rasant. Vor allem viele junge Menschen ticken heute völlig anders, als noch vor zehn oder vielleicht 15 Jahren. Eigenes Auto? Brauch‘ ich nicht. Karriere? Ja schon, aber auch die ist nicht alles. Viel Geld zu verdienen ist kein Lebensziel mehr. Gut ausgebildete junge Leute können es sich heute leisten zu sagen: Nicht mit mir! Es ist nicht wichtig, ob ich noch 500 oder 1.000 Euro mehr im Monat verdiene. Mir ist wichtig, mehr Zeit zu haben: Für die Familie, für die Freunde, für die eigenen Vorstellungen vom Leben.

Neue Rollen bringen neue Herausforderungen

Bild von Stefan Lauscher

Stefan Lauscher

Das ist das eine. Und noch etwas verändert sich: Das Zusammenspiel von Familie und Arbeit. Dass beide Lebenspartner arbeiten, ist heute eher die Regel als die Ausnahme. Und damit gerät auch die alte Rollenverteilung durcheinander. Wer kümmert sich denn jetzt um die Kinder? Und wer um die Alten, wenn sie pflegebedürftig werden? Die Politik bietet da bislang herzlich wenig Lösungsansätze. Wem es um mehr Lebensqualität geht, dem reicht die Antwort 24-Stunden-Kindergarten oder Ganztagesschule nicht aus.

Nicht leicht für die Unternehmen

Und genau deshalb kann es nicht falsch sein, wenn sich auch Tarifpartner über solche Fragen Gedanken machen. Womit wir bei den praktischen Problemen wären. Ist es Aufgabe von Unternehmen, die Versäumnisse der Politik auszubügeln? Sicher nicht! Wie soll man denn künftig die Arbeit in einem Betrieb organisieren, in dem der eine 28, der andere 35 oder der dritte vielleicht 40 Stunden in der Woche arbeitet?

Woher kommt Ersatz, wenn jeder die Möglichkeit hat, für zwei Jahre auf 28 Stunden zu verkürzen; die Wirtschaft stöhnt doch jetzt schon unter Facharbeitermangel? Und warum überhaupt sollen Arbeitgeber dafür zahlen, wenn einzelne Beschäftigte ihre Arbeitszeit reduzieren, weil sie sich um ihre Kinder kümmern wollen.

Firmen müssen Mitarbeitern entgegenkommen

Ich finde all diese Fragen ziemlich berechtigt. Und einfache Antworten dafür gibt es nicht. Aber sich dieser Herausforderung komplett zu verweigern, wie es im Moment jedenfalls noch die Arbeitgeber tun, ist keine Lösung.

Ja, wir haben Facharbeitermangel. Und der wird sich weiter zuspitzen. Am Ende, das ist meine Überzeugung, wird das eine Abstimmung mit den Füßen: Arbeitgeber, die sich für diese Themen öffnen, die intelligente Modelle anbieten, um ihren Beschäftigten mehr Arbeitszeit-Souveränität zu ermöglichen, die werden auch künftig zufriedene und motivierte Mitarbeiter finden. Wer dagegen meint „Das geht mich alles nichts an“, der darf sich nicht wundern, wenn ihm die Leute weglaufen. Das kann in einem Unternehmen zur Überlebensfrage werden.

Kommentar: Unternehmen müssen flexibler werden!

WDR 5 Westblick - Serien | 12.01.2018 | 02:50 Min.

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Stand: 12.01.2018, 15:17