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Guido Reil: Ein Problem für die AfD

Guido Reil von der AfD redet beim Politischen Aschermittwoch der Partei

Guido Reil: Ein Problem für die AfD

Von Christoph Ullrich

Guido Reil aus Essen ist einer der beiden AfD-Spitzenkandidaten für die Europawahl. Einst war das ehemalige SPD-Mitglied ein Gewinn für die Partei - inzwischen ist er eine Belastung. Ein Kommentar:

Guido Reil ist ein Phänomen - eines, welches mich häufig vor Verständnisprobleme stellt. 26 Jahre war der heutige AfD-Politiker in der SPD. Nach dem Flüchtlingsherbst 2015 kritisierte er die Politik der Bundesregierung. Das konnte ich im Grundsatz sogar noch nachvollziehen: Sozialdemokraten, die sich über ein gegeneinander Ausspielen von finanziell Schwächeren und Flüchtlingen beschweren, machen im Grundsatz nichts Falsches. Nur Reil surfte damals sehr schnell auf der AfD-Welle, irgendwann wollte er den armen Essener Norden vor Flüchtlingen ganz abschotten und spielte damit dann doch die Leute gegeneinander aus.

Das Feigenblatt der AfD

Als Reil 2016 in der Essener SPD deswegen nicht in den Vorstand gewählt wurde, wetterte der frühere Bergmann gegen die vermeintlichen Funktionäre, zu denen er kurz vorher noch selber gehören wollte, und trat unverzüglich in die AfD über. Strategisch war das ein Gewinn für eine junge Partei, deren Rhetorik den vermeintlich kleinen Mann ansprechen soll, während im Hintergrund ein national-liberales Wirtschaftsprogramm für die eher Besserverdienenden der Standard ist. Natürlich gab es in der AfD Mitglieder, die sich fragten, was der Ruhrgebietssozi bei ihnen zu suchen hatte. Aber die taktische Wirkung, ein Feigenblatt wie Reil zu haben, überwog bei den Parteioberen, die Reils Karriere bisher förderten.

Erfolgreiche AfD-Karriere bisher

Entsprechend kann sich die AfD-Vita des 49-Jährigen inzwischen sehen lassen: Er ist Mitglied des Bundesvorstandes, tingelt durch die Lande als gefragter Redner auf AfD-Veranstaltungen und hat es auf Platz zwei der Europaliste seiner Partei geschafft. Ziemlich sicher ergattert er Ende Mai einen Platz im Europaparlament.

Für Reil lohnt sich der Weg also. Für die AfD kann das Hofieren des Essener Alt-SPDlers dagegen nach hinten losgehen. Fast schon peinlich-naiv gab er immer wieder öffentlich zu, im Landtagswahlkampf 2017 Unterstützung einer Schweizer Briefkastenfirma erhalten zu haben. In Interviews zu aktuellen Themen aus seinem Bundesland versagt Reil inhaltlich in schöner Regelmäßigkeit. So setzte er unlängst den Braunkohle-Ausstieg mit dem der Steinkohle gleich und sieht in Aachen und Mönchengladbach die Nachfolger Gelsenkirchens. Auch Rückfragen zum Europawahlprogramm, das er im Wahlkampf vertreten müsste, fördern eklatante Wissenslücken zutage. Ein Talkshow-Auftritt im ZDF führte zuletzt sogar dazu, dass nicht wenige in der AfD nur noch verschämt wegschauten.

Reil sieht Kampagnen gegen sich

Reil ficht das alles nicht an. An missglückten Interviews sind hauptsächlich die anderen Schuld, die ihn fertig machen wollten. Die Spendenaffäre, wegen der die Partei jetzt Hundertausende an Euro zahlen muss, ist für ihn eine Kampagne. Es ist ja auch einfach: So sicher, wie er im EU-Parlament sitzt, das seine Partei im übrigen abschaffen will, so wenig kümmern ihn scheinbar die Folgen seines Handelns.

Eine Masche, die bald nicht mehr zieht

Blöd nur: Bei Umfragen zur EU-Wahl liegt die AfD unterhalb ihres Bundesschnittes. Manch einer rechnet schon mit einem Ergebnis von weniger als zehn Prozent - und nicht wenige machen das auch an der Performance des zweiten Spitzenkandidaten, Guido Reil, fest. Es ist sehr fraglich, ob man ihm im Falle einer solchen Wahlniederlage die Masche des Kumpels, der gegen die da oben wettert, weiter abkauft. Ist er doch auf dem besten Wege dahin, einer von denen da oben zu werden, die sich mit inhaltlichen und parteiinternen Details nur ungerne abgeben.

Stand: 17.04.2019, 14:48