"Ich war der einzige dunkle Fleck"

Porträtbild: strahlende dunkelhäutige Frau mit Brille und langen lockigen Haaren

"Ich war der einzige dunkle Fleck"

Jutta Weber fiel als dunkelhäutiges Kind einer blonden Mutter immer auf. Der Vater unbekannt, die Mutter alleinstehend – für die 60er Jahre ungeheuerlich. Erst mit 50 Jahren findet sie ihren Vater – eine unglaubliche Lebensgeschichte im Tischgespräch.

Jutta Weber wurde 1964 geboren und wuchs als dunkelhäutiges Mädchen einer blonden Mutter in Meerbusch auf. Sie fiel immer auf, weil sie so anders aussah – so anders als alle anderen im Ort und so anders als ihre Mutter. Den Vater kannte sie nicht. Sie wusste über Jahrzehnte nur, dass er ein jamaikanischer Saxofon-Spieler war, den die Mutter in einem Club kennengelernt hatte.

Jutta Weber: "Ich war der einzige dunkle Fleck"

WDR 5 Tischgespräch 19.06.2019 54:17 Min. Verfügbar bis 19.06.2020 WDR 5

Download

"Sei stolz auf dich, du bist etwas Besonderes"

"Was die Hautfarbe angeht, war ich der einzige dunkle Fleck", erinnert sie sich im Tischgespräch mit Marco Schreyl an ihre Kindheit. Dass sie anders ist, habe sie durch die Reaktionen der anderen Kinder gemerkt: "Warst du im Urlaub? Dürfen wir deine Haare mal anfassen? Bist du adoptiert?" wurde sie immer wieder gefragt.

Als Belastung habe sie das aber nicht empfunden. Denn ihre Mutter sei wie "eine Löwenmutter jeden angesprungen", der die Tochter schräg angesehen hat: "Sei stolz darauf, du bist etwas Besonderes", habe sie ihr immer gesagt. "Sie hat mir sehr viel Stärkendes mitgegeben", betont Jutta Weber. So geht sie auch heute durchs Leben. Sie habe sich immer frei und sicher gefühlt.

Die Mutter hat später einen Partner gefunden, bekam ein weiteres Kind. Sie waren eine Familie. Dass sie andere Wurzeln hat, was den Vater angeht, hat Jutta Weber lange nicht hinterfragt. "Ich wollte diese Sehnsucht gar nicht aufkommen lassen."

Die Suche nach dem Vater via Facebook

Vater und Tochter mit Sonnenbrille, umarmen sich am Strand und lächeln in Kamera

Mit 50 Jahren hat Jutta Weber ihren Vater Owen kennengelernt

Jutta Weber ist Kinderärztin geworden, selbst Mutter von vier Kindern und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Ihre Kinder waren es, die sie schließlich dazu gebracht haben, mit Mitte 40 doch noch nach ihrem Vater zu suchen. Ein Vorname, wenige Eckdaten – viel mehr hatte sie nicht. Und trotzdem gab es einen Treffer bei Facebook: ein Mann aus Kanada, der ihr ähnlich sah, der es sein könnte. Sie hat ihn angeschrieben. "Mein Name ist Jutta, meine Mutter hat mir von einem Mann erzählt, den sie damals in Wuppertal getroffen hat." Er habe geantwortet, wenn sie Jutta hieße, dann sei er ihr Vater, weil er seit 50 Jahren ein Foto von ihr bei sich trage.

Ein Gänsehaut-Moment: Er ist es. Und er wusste von seiner Tochter. Jutta Weber hat mit 50 Jahren tatsächlich ihren Vater gefunden. "Es war ein eigentlich fremder Mann, der mir so vertraut und nah war." Die Begegnung mit ihm habe ihr Leben verändert, es komplett gemacht. Erst heute ist sich Jutta Weber der großen Bedeutung ihrer eigenen Wurzeln bewusst: "Man muss sich dem stellen, sonst wird da immer eine Lücke bleiben."

Buchhinweis
Jutta Weber "Rastavati", Rowohlt-Verlag, 2017


Redaktion: Florian Quecke

Stand: 19.06.2019, 12:09