Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff

Joachim Meyerhoff

Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff

Der Schauspieler Joachim Meyerhoff hat seine spannende Lebens- und Familiengeschichte in mehreren Romanen veröffentlicht. Mit seinem Vortrag und seinem Theaterspiel fasziniert er gleichermaßen die Zuschauer.

Dass Joachim Meyerhoff einmal ein gefeierter Theaterstar und ein Bestsellerautor werden würde, hat ihn selbst am meisten überrascht. Die Anmeldung zur Schauspielschule kann er ebenso wenig erklären wie den Grund des Schreibens. Und doch klingt es logisch, wenn er die Irrungen und Wirrungen seines Lebens schildert, darunter den tragischen Tod seines Bruders, als er gerade zum Austauschjahr in Amerika war. Berührend, traurig, komisch – Joachim Meyerhoff ist alles zugleich, egal, ob er auf der Bühne steht, aus seinen Büchern vorliest – oder im Tischgespräch mit Maria Ott von seinem Leben erzählt.

Redaktion: Florian Quecke

Joachim Meyerhoff: "Erfinden heißt erinnern"

Er ist Bestsellerautor und gehört zum Ensemble des Wiener Burgtheaters. Im Tischgespräch erzählt der Schauspieler Joachim Meyerhoff von seiner Kindheit in der Psychiatrie, von Verlusten und dem Drang "ein Anderer zu sein".

Joachim Meyerhoff

Aufgewachsen ist Joachim Meyerhoff in der schleswig-holsteinischen Provinz auf einem Psychiatriegelände. Mit seinem Vater, dem Leiter der psychiatrischen Klinik, seiner Mutter und seinen zwei älteren Brüdern, wohnte er in der Direktorenvilla. Was für andere befremdlich ist, war für ihn normal. "Die schreienden Patienten waren mein Wiegenlied. Ich mochte das", verrät er im Tischgespräch. Später wurde ihm klar: "Die Normalität in einer Psychiatrie kann genauso sein wie die Verrücktheiten in einer Familie."

Aufgewachsen ist Joachim Meyerhoff in der schleswig-holsteinischen Provinz auf einem Psychiatriegelände. Mit seinem Vater, dem Leiter der psychiatrischen Klinik, seiner Mutter und seinen zwei älteren Brüdern, wohnte er in der Direktorenvilla. Was für andere befremdlich ist, war für ihn normal. "Die schreienden Patienten waren mein Wiegenlied. Ich mochte das", verrät er im Tischgespräch. Später wurde ihm klar: "Die Normalität in einer Psychiatrie kann genauso sein wie die Verrücktheiten in einer Familie."

Mit 17 suchte er das Abenteuer und ging für ein Jahr nach Amerika. Dort lebte er in einer Gastfamilie in Wyoming, besuchte die Highschool, spielte Basketball. "Ich wurde ein starker, lässiger Mann." Er gefiel sich in seiner neuen Rolle. Doch genau in diesem Jahr verlor er auch seinen großen Bruder. Er starb nach einem Autounfall. "Das war ein Verlust, der mich mein Leben lang geprägt hat."

Erst Jahrzehnte später konnte er seine Trauer verarbeiten. Mit Anfang 40 begann er, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. "Ich glaube, dass jeder Mensch in sich eine Welt trägt, die völlig verschüttet und zugedeckt ist durch Geschäftigkeit, durch Ablenkung, durch Faulheit. Und wenn man anfängt diese Erinnerungswelt zu betreten, dann fängt es an zu rattern." Er nahm sich eine große Erzählung in vier Romanen vor und nannte sie "Alle Toten fliegen hoch".

Zur Erinnerung kam die Fiktion. "Erfinden heißt erinnern", ist er überzeugt. "Es geht nicht nur darum, das Authentische zu recherchieren. Es geht um eine tiefere Wahrheit." Er habe die Erfahrung gemacht, dass man sich durch die Erfindung wieder an Dinge erinnere, die tatsächlich passiert sind. "Das Romanprojekt ist ein Erinnerungsreigen, um die Toten nicht zu verabschieden, sondern mit Worten willkommen zu heißen."

Dass Erinnerung und Erfindung, Wahrheit und Fiktion, sich vermischen und zusammen etwas Neues ergeben, kennt Meyerhoff vom Theater: "Im Grunde mache ich als Schauspieler nichts anderes. Ich versuche Situationen total plausibel zu kreieren und sie zu beseelen."

Das Kuriose dabei: "Ich wollte ja gar nicht Schauspieler werden, ich musste", sagt Meyerhoff allen Ernstes. Irgendetwas in ihm sorgte dennoch dafür, dass er bei der Schauspielschule in München vorsprach. "Ich wollte auf die Schauspielschule, um mir dicken Brillen aufzusetzen, Perücken aufzusetzen und ein Anderer zu sein."

Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff im Gespräch mit M. Ott

WDR 5 Tischgespräch | 17.01.2018 | 53:31 Min.

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Literaturangaben:

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger
Kiepenheuer & Witsch 2017
416 Seiten, 24,00 Euro
ISBN 978-3-462-04944-2

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Kiepenheuer & Witsch 2015
352 Seiten, 21,99 Euro
ISBN 978-3-462-05034-9

Stand: 17.01.2018, 20:05