Ilja Richter: "Nostalgie ist eine Krankheit"

Ilja Richter und Ulrich Horstmann

Ilja Richter: "Nostalgie ist eine Krankheit"

Berühmt geworden ist er als Showmaster der Sendung "Disco". Im Tischgespräch erzählt Ilja Richter von dieser Zeit, dem Ende, das er sich anders vorgestellt hatte und wie sehr ihn der Überlebenskampf seiner Eltern in der Nazi-Zeit geprägt hat.

Ilja Richter

Ilja Richter in der "Disco"-Ära

Er war einmal Deutschlands jüngster Showmaster. Mit der Sendung "Disco" im ZDF erreichte er in den 70er Jahren bis zu 20 Millionen Zuschauer. Noch immer verbinden die meisten den Namen Ilja Richter mit der legendären Pop-Sendung. Damit kann Ilja Richter gut leben, solange er nicht auf diese Rolle reduziert wird. In seiner Biografie heißt es: "Eine Jugend lang, von 16 bis 29, war Ilja Richter der König von Deutschland – er hat es überlebt." Die Formulierung kommt nicht von ihm, betont er. Ulkig, charmant und ironisch, finde er das. "Im Rückblick muss ich sagen: Je älter ich werde, umso mehr habe ich Verständnis für diesen jungen Mann, der ich damals war."

"Ein Cut, den ich mir so nicht vorgestellt hatte"

Als er mit 30 aufgehört hat, diese Show zu machen, aus freien Stücken, wie er sagt, sich mit dem ZDF einig war, "da wusste ich allerdings nicht, dass das ZDF mich danach fallen lassen würde. Das war ein Cut, den ich mir so nicht vorgestellt hatte."

Ilja ist ein Tausendsassa: Seit 50 Jahren ist der heute 65-Jährige Schauspieler auf der Theaterbühne zu Hause, ist Sänger, Autor und Synchronsprecher. All seine Talente wurden bereits früh von seiner Mutter mit einiger Strenge perfektioniert, Ilja Richter bezeichnet sich selber als Muttersohn.

Vom Überlebenskampf seiner Eltern geprägt

Lange Zeit nach "Disco" hat er über seine Familiengeschichte geschrieben. Die Geschichte seiner Eltern ist von Verfolgung und Überlebenskampf geprägt. Seine jüdische Mutter, eine ehemalige Schauspielerin, hat sich versteckt, mit gefälschter Identität die Nazi-Zeit überlebt. Sein Vater war als Kommunist aus politischen Gründen neuneinhalb Jahre im Zuchthaus und KZ. Das habe auch ihn sehr geprägt und zerrissen, erzählt Ilja Richter im Tischgespräch mit Ulrich Horstmann – ihre Ängstlichkeit, die er gespürt hat: "Halt den Mund, man weiß nie, was noch kommt."

"Kabarett-Poet" Georg Kreisler in sein Herz geschlossen

Seit seinem 14. Lebensjahr verehrt Ilja Richter den 2011 verstorbenen Georg Kreisler, den er als "Kabarett-Poeten" bezeichnet, habe ihn in sein Herz geschlossen, weil er zeitlos sei, so großartig geschrieben habe. Die "Disco"-Zeit erlebte er oft "mit der Faust im Smoking", wie er sagt. "Ich durfte in den Sketchen nichts über Parteien sagen, nichts Sexuelles, nichts über Minderheiten – Sketche sollten Cabaret, Unterhaltung sein, aber nicht Satire werden", so Richter. "Die ganze Zeit meiner Karriere war ich damit beschäftigt, den Redakteur dazu zu bringen, doch noch eine Georg-Kreisler-Parodie einzubauen, oder diese und jene Pointe."

Redaktion: Volker Schaeffer

Ilja Richter – die nächsten Termine

"Vergesst Winnetou" am 30. Juni 2018 um 20:00 Uhr Volksbühne/Köln
Ilja Richter erzählt das schräge Leben von Karl May

"Catch Me if You Can" am 14. Juli 2018 um 20:00 Uhr im Altonaer Theater/Hamburg (Premiere der Gaunerkomödie)

"Durch Kreislers Brille" am 28. August 2018 um 20:00 Uhr Im Spiegelzelt/Altenkirchen
Ilja Richter singt Georg Kreisler. Am Flügel: Sherri Jones

Schauspieler Ilja Richter im Gespräch mit Ulrich Horstmann

WDR 5 Tischgespräch | 16.05.2018 | 52:37 Min.

Download

Stand: 16.05.2018, 20:05