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Horst Lichter: "Koche nie, was du nicht selber essen würdest"

Horst Lichter: "Koche nie, was du nicht selber essen würdest"

Horst Lichter fasziniert, dass sich das ganze Leben am Tisch abspielt: Taufe, erstes Date, Beerdigung. Im WDR 5 Tischgespräch erzählt er, warum er den "Diätwahn pervers" findet und was ihn trotz einiger Schicksalsschläge antreibt.

Horst Lichter

Einen Stern hat sich Horst Lichter, der mit 14 Jahren in die Lehre ging, nie erkocht. Die Sterneküche ist auch nicht seine Sache. Er mag die einfache Küche, die er als "ehrlich und lecker" bezeichnet. "Man kann mich immer begeistern mit Kartoffelpüree", sagt er. Dazu Sauce, Rahmspinat und ein Spiegelei – und sein Lieblingsgericht ist fertig.

Einen Stern hat sich Horst Lichter, der mit 14 Jahren in die Lehre ging, nie erkocht. Die Sterneküche ist auch nicht seine Sache. Er mag die einfache Küche, die er als "ehrlich und lecker" bezeichnet. "Man kann mich immer begeistern mit Kartoffelpüree", sagt er. Dazu Sauce, Rahmspinat und ein Spiegelei – und sein Lieblingsgericht ist fertig.

Heutzutage bliebe der Genuss jedoch oft auf der Strecke, beklagt der 55-Jährige im WDR 5 Tischgespräch mit Gesa Rünker. Profitgier, Selbstoptimierung und Rastlosigkeit bestimmten das Leben. "Ich hab manchmal das Gefühl, dass für 80 Prozent der Menschen essen nur noch notwendiges Übel ist, damit sie überleben. Das ist sehr schade."

Er kocht großzügig mit Butter und Sahne. Nicht gerade kalorienbewusst, er behauptet sogar fest: "Es ist gesund." Der Trick sei, maßzuhalten. "Ich finde den ganzen Diätwahn pervers", so Lichter. Deutschland sei eines "der Paradiese auf dieser Welt" und hier wird ein Vermögen für so genanntes Diätessen ausgegeben. Während die Deutschen über Körperoptimierung sprächen, drohten gleichzeitig 20 Millionen Menschen wegen einer Dürre zu verhungern. "Das ist pervers."

Obwohl er selbst höchstens einmal in der Woche Fleisch isst, sind ihm Veganer und Vegetarier suspekt. Wer sich rein pflanzlich ernähre, solle nicht andere mit Worten und Taten dafür bestrafen, wenn sie es nicht tun. "Man soll den Leuten nicht auf den Sack gehen", bringt Horst Lichter seine Haltung auf den Punkt. "Wenn einer morgens eine Wurstbrotstulle isst, dann soll er die essen, wenn sie ihm schmeckt."

Sein Traumberuf war und ist Koch. Doch es ist nicht das Braten und Brutzeln an sich, das Lichter als Teenager dazu bewegt, eine Koch-Ausbildung zu beginnen. "Ich mag, wenn Menschen am Tisch sitzen, wenn man zusammen erzählt, wenn man lacht." Ihn fasziniert, dass sich das ganze Leben am Tisch abspielt: Ein Essen zur Taufe, das erste Date in einem Lokal, die Hochzeit an einer langen Tafel - und bei der Beerdigung der Leichenschmaus.

Sein erster Küchenchef ist Patriarch, Diktator und Vaterersatz zugleich. "Wenn der was gesagt hat, war das Gesetz." Aber er lernt viel von ihm. Allem voran, dass man als Koch die Menschen lieben müsse. "Mache nie was in der Küche, was du nicht selber essen würdest. Würden sich alle daran halten, würde die Hälfte der Lokale zumachen."

Trotz seiner Leidenschaft für die Gastronomie kehrt er ihr kurz nach seiner Ausbildung den Rücken zu, um in einer Brikettfabrik zu arbeiten. Er schuftet hart, mutet sich zu viel zu. Sein Körper macht schließlich nicht mehr mit. Mit 26 Jahren erleidet er einen Schlaganfall, zwei Jahre später bekommt er einen Herzinfarkt. Als eines seiner Kinder als Säugling stirbt, wird ihm die Endlichkeit des Lebens bewusst. Er lernt das Leben zu schätzen und fängt mit einem eigenen Restaurant nochmal von vorne an.

Sein Restaurant "Oldiethek" im rheinischen Rommerskirchen war ein halbes Museum. Vollgestellt mit Mopeds, Fahrrädern, Schreibmaschinen, Kaffekannen und allerlei Trödel, denn Lichter sammelt, was ihm unter die Finger kommt. Auf einem 150 Jahre alten Kohleofen kochte er vor den Gästen, sie wurden geduzt und per Handschlag begrüßt. "Die waren praktisch bei mir Zuhause. Und ich hab alles dafür getan, damit sie sich wohlfühlen."

Sein Humor kommt an. Lichter wird fürs Fernsehen entdeckt und bekommt eine eigene Koch-Show im WDR. An die Pilotfolge erinnert er sich gut: "Alle haben sich weggeschmissen vor Lachen, haben gesagt: Gott, ist das verrückt, das ist ja mal ganz was anderes." "Das war ehrlich, witzig, unkapriziös." Fortan tingelt Horst Lichter durch diverse Koch-Sendungen, steht neben Sterneköchen am Herd und hat eine gemeinsame Koch-Show mit Johann Lafer.

2014 wird er als beliebtester Fernsehkoch mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Im gleichen Jahr stirbt seine Mutter. Ihr Tod nimmt ihn sehr mit. "Mir wurde nochmal bewusst, wie unglaublich kurz dieses Leben ist." Er macht Schluss mit zu vielen Kompromissen. "Ich möchte jetzt keine Zeit mehr haben für Menschen und Dinge, die mir nicht gut tun." Seitdem tritt der Oldtimer-Fan seltener im Fernsehen auf. Er will nicht mehr nur der Koch-Clown sein. Regelmäßig ist er nur noch in "Bares für Rares" zu sehen – einer TV-Sendung, in der es gar nicht ums Essen geht.

Stand: 27.03.2017, 14:00 Uhr