"Ich hasse dieses Misstrauen gegenüber Romanen"

Helge Malchow

"Ich hasse dieses Misstrauen gegenüber Romanen"

Die Liebe zur Literatur hat ihn in diesen Beruf gezogen. Helge Malchow hat den Verlag Kiepenheuer & Witsch geprägt. Im Tischgespräch erzählt er von großen Entdeckungen, den Wert der Belletristik und warum das Medium Buch für ihn heute wichtiger denn je ist.

Helge Malchow kam 1983 zum Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, war 16 Jahre Verlagsleiter. Diesen Posten hat er Ende 2018 abgegeben und widmet sich jetzt als Lektor wieder ganz den Basis-Aufgaben, die er an seinem Beruf immer am meisten geliebt hat: Interessante Menschen treffen, lesen und Bücher herausbringen.

Lesen war in seiner Kindheit keine Selbstverständlichkeit

Geboren ist er in Bad Freienwalde an der Oder, in der ehemaligen DDR. 1953, als er drei Jahre alt war, flüchtete seine Familie nach Westdeutschland. Aufgewachsen ist er in Düsseldorf, studierte in Köln. Er ist nicht im Bildungsbürgertum groß geworden, Lesen war für ihn in seiner Kindheit keine Selbstverständlichkeit. "Wegen dieser fehlenden Selbstverständlichkeit habe ich mein ganzes Leben lang das Gefühl, ich muss noch etwas nachholen, ich weiß noch nicht alles", erzählt er im WDR 5 Tischgespräch mit Maria Ott.

Verleger Helge Malchow im Gespräch mit Maria Ott

WDR 5 Tischgespräch 13.03.2019 51:17 Min. WDR 5

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Seine Studienzeit in der 68ern habe ihn politisiert. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch sei von jeher Adresse für politische Diskurse. "Bücher sind ein Medium, das für die Entwicklung der politischen Öffentlichkeit in einer Demokratie unersetzbar sind", so Malchow.

Schauspieler mit literarischem Talent entdeckt

Der Schauspieler Matthias Brandt sitzt bei einer Lesung

Eine seiner großen Entdeckungen: Schauspieler Matthias Brandt

Er hat Schauspieler entdeckt, die auch schreiben können, ein großes literarisches Talent haben. Joachim Meyerhoff, Schauspieler des Jahres am Burgtheater in Wien, sei eine dieser großen Entdeckungen, gerät Helge Malchow ins Schwärmen. Ebenso Matthias Brandt: "Er ist der Sohn von Willy Brandt und ein fantastischer Schauspieler. Natürlich gibt es da ein gewisses Interesse", räumt Malchow ein. Aber das Entscheidende sei: "Das ist ein großer Schriftsteller. Wir werden in diesem Jahr einen Roman von ihm veröffentlichen, der wird alle Leute umhauen, die mit Literatur zu tun haben", so seine Überzeugung.

In komplexer Welt braucht es Textformen, die in die Tiefe gehen

Im Tischgespräch betont der ehemalige Verlagsleiter den Wert der Belletristik, gegenüber der es oft ein Misstrauen gibt. "Ein Roman, eine ausgedachte Geschichte, kann oft mehr über unsere Wirklichkeit erzählen als eine wahre Geschichte." Und das Medium Buch ist für ihn heute wichtiger denn je: "Wenn wir nur noch auf Minitext-Elemente reagieren, dann können wir keine freie demokratische Zivilisation aufrechterhalten", betont er. Wenn die Welt immer komplexer wird, brauche es Textformen, nämlich Bücher, "die so in die Tiefe gehen, dass man diese Komplexität überhaupt versteht."

Redaktion: Florian Quecke

Stand: 13.03.2019, 13:48