Campino: "Uns hat die Freundschaft über die Jahre getragen"

Campino: "Uns hat die Freundschaft über die Jahre getragen"

Im Tischgespräch erinnert sich Campino an die Anfänge der Toten Hosen, den Alltag mit fünf Geschwistern, seine Zeit als Zivi in der Psychiatrie: "Es war bis dahin mit Abstand das Schönste in meinem Leben." Früh genug aufhören will er, "bevor es peinlich wird."

Der Leadsänger der deutschen Rockband Die Toten Hosen, Campino, springt am 21.11.2008 bei einem Auftritt mit der Band auf einer Bühne in der SAP Arena in Mannheim.

Die Freundschaft hat Campino und Die Toten Hosen durch die Jahre getragen. Das ist etwas, was er jungen Musikern, die in einer Band spielen wollen, mitgeben würde: "Die Chemie innerhalb der Gruppe ist das Wichtigste." Im Zweifelsfall sollte man sich eher für den besseren Freund als für den besseren Musiker entscheiden, findet Campino. Jeder in der Band sei bei ihnen gleichberechtigt, hat sein Spezialgebiet, wo er sich ausleben kann und die Nummer Eins ist.

Die Freundschaft hat Campino und Die Toten Hosen durch die Jahre getragen. Das ist etwas, was er jungen Musikern, die in einer Band spielen wollen, mitgeben würde: "Die Chemie innerhalb der Gruppe ist das Wichtigste." Im Zweifelsfall sollte man sich eher für den besseren Freund als für den besseren Musiker entscheiden, findet Campino. Jeder in der Band sei bei ihnen gleichberechtigt, hat sein Spezialgebiet, wo er sich ausleben kann und die Nummer Eins ist.

Seit 35 Jahren gibt es Die Toten Hosen: fünf Musiker, vier davon sind Gründungsmitglieder. In der Formation spielen sie seit 18 Jahren zusammen. Wie funktioniert das so lange? Sie sind nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. "Die Priorität liegt genau darauf", erzählt Frontmann Campino im WDR 5 Tischgespräch mit Gesa Rünker. "Wir waren eine Clique von Freunden, die Musik kam erst viel später."

Als entscheidenden Einschnitt in seinem Leben und dem der Band nennt Campino das 1.000. Konzert 1997 im Düsseldorfer Rheinstadion. Ein 16-jähriges Mädchen kam im Gedränge zu Tode. "Das war für uns im Leben der absolute Tiefpunkt und Tiefschlag. Wir haben uns selbst angezweifelt und gefragt: Worum geht es eigentlich in der Musik? Muss man immer Rekorde und viele Leute haben? War es falsch, so ehrgeizig zu sein, in so einem Stadion zu spielen?"

In der Krise sei ihnen aber auch klar geworden, wie sehr sie an der Musik und an dem, was sie tun, hängen. "Es hat uns eine neue Festigkeit gegeben, ein neues Verhältnis zur Verantwortung fürs Publikum", so Campino im Tischgespräch.

Auch davor habe es schon Krisen gegeben. "Wir sind als Partyband gestartet, die diese Auftritte auch genommen hat, um aus dem Alltag zu kommen. Jeder war mal der Held für eine Nacht." Die Partys wurden exzessiver. Irgendwann habe es beim einen oder anderen zu verschiedenen Zeitpunkten gescheppert. "Ich war einer der ersten", erzählt Campino, "der nach einer Phase von vier Tagen ohne Schlaf auf Tournee, immer nur auf Pille oder was es sonst so gab, einen körperlichen Zusammenbruch hatte."

Die Wurzeln der Toten Hosen liegen im Punkrock: "Es war einfach eine Wahnsinns-Lebensfreude. Es hat Spaß gemacht, Opposition zu sein, mit anderen das Gefühl zu haben, wir können die Welt verändern", beschreibt Campino. Aus der reinen Anti-Haltung müsse man aber rauskommen in etwas Konstruktives.

Die Band The Clash habe sie in ihrer Philosophie und Ideologie sehr geprägt. "Sie sind sozusagen als Leuchtfackel vorangeschritten und haben gezeigt, was es heißt, aus einer kleinen Punk-Clique zu kommen, plötzlich von sehr vielen Menschen gemocht zu werden, seine eigenen Ansprüche zu haben, aber dann trotzdem so eine Art Mainstream zu werden und Erfolg zu haben."

Campino heißt eigentlich Andreas Frege. In Düsseldorf ist er geboren, in Mettmann aufgewachsen. Sie waren sechs Kinder. Die Mutter ist Engländerin. Der Vater hat als Richter gearbeitet. "Es war bunt, viele Freunde haben uns besucht. Es war ein offenes, lautes Haus", erinnert sich der 55-Jährige. Das Verhältnis sei nicht immer einfach gewesen. Vier von den Geschwistern seien gleich zweimal sitzengeblieben. "Ich weiß nicht, wie meine Eltern das mit uns hingekriegt haben." Das Entscheidende sei, sagt Campino, "dass ich mit beiden Eltern am Ende ihres Weges völlig im Reinen war. Das war ganz klar Liebe, was sich zwischen uns abgespielt hat." Und diese Liebe hätten sie auf alle Kinder gleichmäßig verteilt.

Als junger Mann hat Campino Zivildienst geleistet – ein Jahr in einer Psychiatrie. Ein Jahr, das ihn geprägt hat: "Es war bis dahin mit Abstand das Schönste in meinem Leben", sagt er. Er sei sich das erste Mal in seinem Leben nützlich vorgekommen. Die Erfahrung, der Umgang mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, habe ihn weitergebracht.

Wie viel von Campino, von seinem Leben und Gefühlen, steckt in seinen Texten? Er möchte nicht, dass man am jeweiligen Album seinen Seelenzustand ablesen kann. "Das wäre ausbeuterisch mir selbst gegenüber." Aber er gibt zu: "Ich bin am besten, wenn ich in mich hineinschaue, mich ein Stück weit ausziehe, was Gefühle und Denken angeht."

Für Menschen, die ihnen nahe gewesen sind, hat Campino mit den Toten Hosen auf verschiedenen Alben einen Punkt gesetzt: seine Eltern, den langjährigen Manager, der vor zwei Jahren verstorben ist, den alten Schlagzeuger "Wölli" Rohde (Bild, gestorben 2016). Die Alben seien mittlerweile so etwas wie Tagebücher, findet Campino. "Es ist meine Art des Dankesagens." Ihm gefällt das Bild, dass die verstorbenen Menschen noch unter uns, weil sie Spuren hinterlassen haben.

Mit Mitte 50 spürt auch Campino das Alter, sagt er. Faulheit werde heftiger bestraft als früher. "Druck tut mir gut, und da habe ich Gott sei Dank die Erkenntnis, auf mich zu achten und streckenweise wirklich gesund zu leben, um die härteren Belastungen aushalten zu können."

Auf der Bühne umkippen oder irgendwann aufhören und noch ein bisschen Ruhe für sich haben? "Früh genug aufhören", findet Campino. "Ich möchte nicht, dass wir irgendwann zu einer Peinlichkeit auf der Bühne werden." Und er möchte noch genug Kraft haben, mit einer Partnerin oder alleine durch die Welt zu reisen – und zwar eher Abenteuer- als Luxus-Wohlfühl-Urlaub. "Das wird mit 70 oder 75 vielleicht ein bisschen schwieriger."

Stand: 17.11.2017, 12:48 Uhr