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Bettina Röhl: "Meinhof öffnete das Fenster zum Mord"

Bettina Röhl

Bettina Röhl: "Meinhof öffnete das Fenster zum Mord"

Im WDR 5 Tischgespräch blickt Bettina Röhl zurück auf die zunehmende Radikalisierung ihrer Mutter Ulrike Meinhof. Als Grundschulkind war sie sich zunächst selbst überlassen. Dann wurde sie von der RAF nach Sizilien verschleppt.

Ihre frühe Kindheit im vornehmen Hamburg-Blankenese beschreibt Bettina Röhl als "bürgerlich-kommunistisches Familienglück". Ihre Mutter Ulrike Meinhof war damals eine anerkannte Journalistin. Ihr Vater Klaus Rainer Röhl gab die linke Zeitschrift "konkret" heraus.

Revolution statt Kindererziehung

Ulrike Meinhof am Schreibtisch

Ulrike Meinhof in der "konkret"-Redaktion

Als die freie Liebe 1968 Einzug ins Eheleben erhielt, reichte Meinhof die Scheidung ein und zog mit ihren fünfjährigen Zwillingen Bettina und Regine nach Berlin. "Meine Mutter verwandelte sich in wenigen Wochen", erinnert sich Röhl. Sie habe immer die Beste sein wollen – auch als Revolutionärin. Doch während sie bis tief in die Nacht Weißwein getrunken habe, verwahrlosten die Mädchen. "Sie hatte völlig abstruse Ideen. Wir sollten kein Bitte, kein Danke sagen, sollten Kinder-Kollektive gründen." Obwohl Meinhof den ganzen Tag von Kindererziehung gesprochen habe, konnte sie für die eigenen Kinder nicht sorgen.

"Meine Mutter war ein Motor"

Bettina Röhl und Ulrich Horstmann

Bettina Röhl im Gespräch mit Ulrich Horstmann

Zwar hätten viele Linke über Gewalt nachgedacht, aber Meinhof hat die Überlegungen in Worte gefasst, die der "Spiegel" im Juni 1970 abgedruckte. "Sie geht mit den Linken ins Gericht. Sie sagt, wenn wir immer nur denken, auf Bullen darf nicht geschossen werden, dann werden wir nie dazu kommen, die Revolution zu machen", sagt Röhl. "Sie öffnet das Fenster zum Mord."

Verschleppung nach Sizilien

Kurz vor der Veröffentlichung im Mai 1970 ging Meinhof in den Untergrund. Die siebenjährigen Zwillinge ließ sie nach Sizilien verschleppen. In einem Auffanglager für Erdbebenopfer lebten die Mädchen in einer einfachen Hütte, ohne Fenster, ohne fließendes Wasser, ohne Eltern, ohne Schule. "Das zehrt an einem. Ich hatte als Kind Angst, dass ich Lesen und Schreiben wieder verlerne."

Befreiung und Rückkehr ins bürgerliche Leben

Klaus Rainer Röhl

"Konkret"-Herausgeber und Vater von Bettina Röhl: Klaus Rainer Röhl

Nach einigen Monaten stand plötzlich Stefan Aust vor ihnen. Der 23-Jährige hatte sich als Baader-Meinhof-Mitglied ausgegeben, um die Kinder auf Geheiß des RAF-Aussteigers Peter Homann zu retten. Sie kannten "Onkel Aust" als Freund ihres Vaters. Noch in Italien übergab Aust beide Mädchen dem Vater Klaus Rainer Röhl. Was im Rückblick erstaunlich ist, dass niemand die Polizei eingeschaltet hat.

Fortan leben die Kinder beim Vater in Hamburg. Nach dem Abitur erfüllte sich Bettina Röhl den Traum, Journalistin zu werden.

Literaturangaben:

Bettina Röhl: So macht Kommunismus Spaß! – Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret
Heyne Verlag, 2018
748 Seiten, 14,99 €
ISBN: 978-3-453-60450-6

Bettina Röhl: Die RAF hat euch lieb – Die Bundesrepublik im Rausch von 68 – Eine Familie im Zentrum der Bewegung
Heyne Verlag, 2018
640 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-453-20150-7

Publizistin, Bettina Röhl im Gespräch mit Ulrich Horstmann

WDR 5 Tischgespräch | 19.12.2018 | 52:01 Min.

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Stand: 30.11.2018, 11:55