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Yoga im System

Illustration: Frau beim Yoga, gehalten von einer großen dunklen Hand.

Yoga im System

Von Peter Kaiser

Ist Yoga mehr Sport oder Heilslehre? In jedem Fall ein Instrument, Körper und Geist in Verbindung zu bringen. Natürlich hat es sich den Zeiten angepasst, wurde mal verklärt, mal verboten, mal verkauft. Eine Tiefenblick-Reihe über die Geschichte des Yoga in Deutschland.

Seit Yoga in den 1930er Jahren nach Deutschland gekommen ist, wurde es von gesellschaftlichen und politischen Systemen vereinnahmt. Etwa vom "Reichsführer", Heinrich Himmler, der die SS zu einer yogisch inspirierten Kämpferkaste formen wollte. Aus der nationalsozialistischen Volksertüchtigung und später dem spirituellen Gurutum der Hippies glitt Yoga in das System der DDR-Genossen. Und war bei Haftstrafe verboten. Erst wenige Monate vor dem Ende der DDR galt Yoga als gesund und förderungswürdig. In der gesamtdeutschen Jetztzeit schließlich gerät Yoga zum Life-Style-Produkt. Man praktiziert Nackt-, Hot-, Air-, Flow- oder Bieryoga. Religion stört dabei eher. Dennoch ist Yoga noch immer geheimnisvoll, tiefgründig und vor allem: gesund.

Folge 1: Yoga unterm Hakenkreuz - 21. April 2019

Boris Sacharow gründete 1937 die erste Yogaschule in Deutschland

In den 1930er Jahren eröffnet in Berlin-Schöneberg Deutschlands erste Yoga-Schule. Wenige Jahre später will Heinrich Himmler die SS zu einem Kämpferorden formen und die Wewelsburg zur Yoga-Kshatriya–Ordensburg umbauen. Geschichte eines Missverständnisses.

Yoga unterm Hakenkreuz (1/3)

WDR 5 Tiefenblick: Yoga im System Teil 1 von 3 21.04.2019 29:20 Min. Verfügbar bis 16.04.2020 WDR 5

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Yogis als bedingungslose Tötungsmaschinen? Der Schritt von der individuellen Ertüchtigung von Geist und Körper zum nationalen Konzept lag für Himmler nahe. Vorbild für den geplanten SS-Kämpferorden war die Kämpferkaste "Kshatriya" aus den hinduistisch religiösen Textsammlungen "Veden", denen auch Yoga entstammt. Himmlers daraus abgeleitete Idee einer monumentalen Ordensburg auf der Wewelsburg nahe Paderborn sollte 1.285 Zwangsarbeiter das Leben kosten. Himmler selbst litt unter psychosomatischen Bauchkrämpfen, die nur der deutsch-finnische Masseur Felix Kersten lindern konnte - der wiederum seine spirituellen Fähigkeiten aus dem Yoga-Umfeld bezog. Kersten schwatzte dabei dem zweitmächtigsten Mann im NS-Staat das Leben vieler KZ-Häftlinge ab.

Folge 2: Yoga in der DDR - 28. April 2019

Buchausschnitt "Yoganastik für Jedermann"

Wer bis weit in die 1980er Jahre Yoga in der DDR betrieb, riskierte lange Haftstrafen. Denn Yoga galt als staatszersetzend und konspirativ. Erst wenige Monate vor dem Ende der DDR waren Asanas in den Medien präsent.

Yoga hatte im real existierenden Sozialismus Ostdeutschlands keinen guten Start, seine Anhänger wurden als "geisteskrank" und Okkultisten dargestellt. Informelle Mitarbeiter trugen der Stasi zu, was sich in der Bevölkerung an Yoga-Aktivitäten tat. Erst als Ende der 1980er Jahre in den Bruderstaaten Ungarn, Bulgarien und der Sowjetunion Yoga bereits fleißig praktiziert und gefördert wurde, kam auch das DDR Regime nicht mehr am "herabschauenden Hund" vorbei. Yoga wurde erst als "Yoganastik", dann als echtes Yoga in Rundfunk und Fernsehen den interessierten Bürgern zugänglich gemacht. Wenige Monate später ging das DDR-Regime unter.

Yoga in der DDR (2/3)

WDR 5 Tiefenblick: Yoga im System Teil 2 von 3 21.04.2019 29:12 Min. Verfügbar bis 16.04.2020 WDR 5

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Folge 3: Yoga im Hier und Jetzt - 05. Mai 2019

Frau am Waldesrand in Yoga-Asana Salamba Sirsasana (Kopfstand)

Yoga ist omnipräsent, vor allem im urbanen Raum. Dabei ist aus dem einst hinduistisch religiösen System ein Lifestyle-Produkt geworden, eine Art Werkzeugkasten für ein glückliches Leben. Vor allem für das zahlungskräftige Publikum.

Heute ist Yoga populär wie nie zuvor und als Therapie von vielen Krankenkassen anerkannt. Dabei hat sich die Praxis dem modernen Leben angepasst. Vom einst philosophisch-meditativen System ist Yoga vielerorts zu einem Lifestyle-Produkt mutiert, das Millionen-Umsätze generiert. Bedenkenlos nimmt sich heute jeder aus dem Yoga die "Tools", die er gerade zum Glück braucht. Die religiöse Substanz des Yoga wird dabei eher als störend empfunden. Doch ob Nackt-, Air-, Flow-, Bieryoga - nach wie vor gilt: Wer Yoga praktiziert, wird flexibler, offener. Und gesünder.

Yoga im Hier und Jetzt (3/3)

WDR 5 Tiefenblick: Yoga im System Teil 3 von 3 21.04.2019 29:11 Min. Verfügbar bis 16.04.2020 WDR 5

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Weiterführende Literatur:

  • Mathias Tietke: Yoga im Nationalsozialismus. Konzepte, Kontraste, Konsequenzen. Ludwig Verlag Berlin 2012, 220 Seiten, 24,90 Euro
  • Mathias Tietke: Yoga in der DDR - Geächtet, Geduldet, Gefördert. Ludwig Verlag Berlin 2014, 178 Seiten, 29,90 Euro
  • B. K. S. Iyengar: Licht auf Yoga: Das grundlegende Lehrbuch des Hatha-Yoga. Nikol Verlag Hamburg 2013, 464 Seiten, 9,99 Euro
  • Die Bhagavad Gita: Das Weisheitsbuch fürs 21. Jahrhundert. Übertragen und kommentiert von Ralph Skuban. Arkana Verlag München 2013, 352 Seiten, 19,99 Euro

Filmtipp:

  • Der Atmende Gott - Reise zum Ursprung des modernen Yoga. Ein Film von Jan Schmidt-Garre, 2 DVDs, 2012, 19,14 Euro

Ausstrahlung: 21. April bis 5. Mai 2019
Von Peter Kaiser
Redaktion: Thomas Nachtigall
Produktion: WDR 2017

Stand: 10.04.2019, 10:41