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Atomkraftwerk Isar 1 und 2 mit Kühlturm

Atomkraft auf der Reservebank – Gehört sie dahin?

Zwei Atomkraftwerke sollen drei Monate länger als geplant verfügbar bleiben. Damit soll die Stromversorgung im Winter garantiert werden. Ist das eine kluge Entscheidung? Diskutieren Sie mit im WDR 5 Tagesgespräch!

Eigentlich sollten die letzten deutschen Atomkraftwerke Ende des Jahres stillgelegt werden. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat Anfang der Woche nun aber verkündet, dass die Reaktorblöcke Isar 2 und Neckarwestheim 2 als Reserve länger bereitstehen sollen. Bis Ende März 2023. Bei einem besonders kalten Winter und wenig Strom aus erneuerbaren Quellen sollen sie helfen, Engpässe zu vermeiden und die Stromversorgung über den Winter zu sichern. Neue Brennstäbe sollen nicht angeschafft werden. Am Atomausstieg halten Habeck und die Grünen fest.

Die Stromversorgung in Deutschland ist aus mehreren Gründen aktuell nicht sicher. Davon liegen einige außerhalb des Einflusses der Regierung. Von 50 Atomkraftwerken in Frankreich sind derzeit 30 vorübergehend abgeschaltet, die Pegel in den Flüssen Europas sind so niedrig, dass Kühlwasser und Kohletransport für Kraftwerke nicht gesichert sind, und die Wasserstände in den Speicherseen Österreichs, der Schweiz und Norwegens sind ebenfalls so niedrig, dass dortige Wasserkraftwerke nicht mehr mit voller Kraft laufen können.

Expert:innen nennen aber auch hausgemachte Ursachen, wie den zeitgleichen Kohleausstieg, den schleppenden Ausbau der erneuerbaren Energien und die fehlenden Höchstspannungsleitungen, die man bräuchte, um Schwankungen landesweit auszugleichen. Auch gebe es in Industrie, Gewerbe und Haushalten noch Potenziale, Lasten zu verringern oder besser zu koordinieren.

Bislang sorgen Gaskraftwerke für schnell verfügbare Reserven. Angesichts des russischen Kriegs in der Ukraine und der eingestellten Gaslieferungen sind sie derzeit allerdings ein Kostentreiber und Gas keine verlässliche Energiequelle. Kernargument der Befürworter längerer Laufzeiten: Der Atomstrom dämpft die Preissteigerungen auf dem Strommarkt. Dieses Argument wird von einigen Stimmen der Wirtschaftswissenschaft durch Berechnungen widerlegt. Von dort kommt aber auch Rückenwind für längere Laufzeiten. Die Entscheidung ist in erster Linie eine politische, die je nach Perspektive durch rationale Argumente begründet wird.

Die Unionsfraktion fordert die Koalitionspartner der Grünen, SPD und FDP, auf, die Pläne Habecks abzulehnen. Finanzminister und FDP-Chef Christian Linder hatte bereits eine Verlängerung bis 2024 gefordert. Der grünen Basis und Umweltschutzorganisationen dagegen sind schon die drei Monate bis April 2023 zu viel. Sie sprechen von einem unnötigen Risiko, das mit dem verlängerten Betrieb der Reaktoren verbunden sei.

Wie stehen Sie zur verschobenen Stilllegung der AKW? Ist das die richtige Entscheidung in der Krise? Oder wären Sie dafür, mittelfristig wieder mehr Atomstrom zu produzieren? Glauben Sie, dass der Strom damit günstiger werden könnte? Wäre Atomkraft vielleicht doch als Brückentechnologie sinnvoll, bis es genug Strom aus erneuerbaren Quellen gibt? Oder fürchten Sie, dass Habecks Vorschlag die Hoffnungen auf einen schleichenden Ausstieg aus dem Ausstieg befördert?

Rufen Sie uns während der Sendung an (WDR 5 Hotline 0800 5678 555).

Gast: Malte Küper, Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln, Referent für Energie

Redaktion: Willi Schlichting und Heiko Hillebrand

Atomkraft auf der Reservebank – Gehört sie dahin?

WDR 5 Tagesgespräch 07.09.2022 45:22 Min. Verfügbar bis 07.09.2023 WDR 5


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