Wenn der Sozialstaat versagt: Armut in Deutschland

Podiumsdiskussion beim WDR 5 Stadtgespräch in Oberhausen

Wenn der Sozialstaat versagt: Armut in Deutschland

Von Dirk Groß-Langenhoff

  • Tafeln sollten Sozialstaat nur ergänzen
  • Kritik an Entscheidung der Essener Tafel
  • Einigkeit über Versagen des Sozialstaates

Gleich zu Beginn des WDR 5 Stadtgespräches kam ein Hartz-IV-Empfänger zu Wort, der bei der Tafel in Oberhausen Kunde ist. "Ich komme mit Hartz IV eigentlich gut über die Runden", erzählt er, "doch wenn ich unvorhergesehene Ausgaben - wie zum Beispiel Tierarztkosten - habe, dann muss ich am Monatsende doch zur Tafel. Ich bin froh, dass es sie gibt."

Tafeln dürfen den Sozialstaat nicht ersetzen

Auf dem Podium ist man darüber zwar auch froh, aber auch gleichzeitig traurig darüber, dass es die Tafeln überhaupt geben muss. Armutsforscher Prof. Dr. Christoph Butterwegge wies daraufhin, dass schon jetzt Jobcenter an die Tafeln verweisen, wenn sie merken, dass ihre Klienten nicht über die Runden kommen. "Man muss aufpassen, dass die Tafeln den Sozialstaat nicht ersetzen", sagt er, "Auch die Tafeln selbst sollten politisch darauf hinarbeiten, dass sie überflüssig werden."

Stadtgespräch aus Oberhausen: Nicht genug Essen für alle?

WDR 5 Funkhausgespräche | 20.09.2018 | 56:04 Min.

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Der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW, Christian Woltering, bemängelte, dass der Hartz-IV-Satz zu niedrig sei. "Die Empfänger haben ein Einkommen, dass für das tägliche Leben nicht reicht". Der Armutsbericht seines Verbandes registriere von Jahr zu Jahr mehr Menschen, die zu wenig auf dem Teller hätten.

Bedürftige, Kunden oder Arme?

Podiumsdiskussion beim WDR 5 Stadtgespräch in Oberhausen

Das Publikum diskutierte mit

Ein Streit unter den Podiumsgästen entbrannte darüber, wie man bedürftige Menschen bezeichnen sollte. Silvia Willershausen aus dem Vorstand der Oberhausener Tafel nennt sie "Kunden". "Unsere Kunden bezahlen immerhin einen kleinen Obolus für die Lebensmittel. Deswegen sind es für uns Kunden", stellt sie klar. Professor Butterwegge wollte die Dinge dagegen lieber beim Namen nennen. "Ich würde mich verhohnepipelt vorkommen, wenn mich als armer Mensch jemand Kunde nennen würde".

Flüchtlinge nicht zu Sündenböcken machen

Auch die Kritik an der Essener Tafel, die kurzzeitig einen Aufnahmestopp für ausländische Bedürftige verhängt hatte, kam noch einmal auf. Der Armutsforscher nannte dies den falschen Mechanismus. Damit würde man den Sozialneid nach unten schüren. "Es ist keine Lösung, die Migranten zu Sündenböcken zu erklären", sagte Butterwegge, "Der Sozialstaat sei schon vor der Flüchtlingswelle von 2015 abgebaut worden".

Der Politikwissenschaftler forderte, dass sich die Mittelschicht entscheiden müsse, ob sie sich mit den Superreichen oder den Armen solidarisiere wolle. Seiner Meinung nach könne der Reichtum nicht unangetastet bleiben, wenn man die Armut bekämpfen wolle. Einig waren sich auf dem Podium alle darüber, dass der Sozialstaat in Deutschland versagt habe.

Stand: 21.09.2018, 07:44