WDR 5 Stadtgespräch: Würde im Alter - Würde für die Pflegenden

Senioren spielen Schach

WDR 5 Stadtgespräch: Würde im Alter - Würde für die Pflegenden

  • Angehörige beklagen schlechte Zustände in Heimen
  • Senioren mit Medikamenten ruhig gestellt
  • Kritik an Kommerzialisierung der Pflege

Würde im Alter, Würde für die Pflegenden. Wie kann das überhaupt gehen? Der Pflegenotstand in Altenheimen und bei mobilen Diensten ist derzeit auch in der Bundesregierung ein großes Thema. In der Sendung "Stadtgespräch" auf WDR 5 berichteten am Donnerstag (5.4.2018) pflegende Angehörige von ihren Sorgen. Vertreter der professionellen Pflege, aus der Politik und von Verbänden diskutierten.

Kritik an Altenheimen

WDR 5 Stadtgespräch Siegburg

WDR-Redakteurin Angelika Becker im Gespräch mit Zuschauern.

Viele haben ihn erlebt, den Tag, der alles ändert. Mutter, Vater oder die Großeltern sind pflegebedürftig. Viele Familien können die Pflege nicht selbst leisten, empfinden aber zugleich die Zustände in manchen Altenheimen als erschreckend. So wie Bettina Schlagwein. Im WDR5 Stadtgespräch erzählt sie von ihrer 95-jährigen Großmutter: „Meine Großmutter musste kurzfristig zur Kurzzeitpflege ins Altersheim, was eine relativ albtraumhafte Erfahrung für sie und vor allen Dingen für meine Mutter war, die sie dort eigentlich sehr schlecht versorgt gesehen hat und täglich abends nach Hause gefahren ist und geweint hat und mit einem ganz schlechten Gewissen sie dort lassen musste.“

Mit Medikamenten ruhig gestellt

Angehörigen-Verbände kritisieren, wie viele Heime geführt werden. Zu wenig qualifiziertes Personal, zu wenig Zeit für die Patienten. In zahlreichen Heimen würden die Bewohner deshalb einfach mit Medikamenten ruhig gestellt, kritisiert die Vorsitzende der Pflege-Ethik-Initiative Deutschland, Adelheid von Stösser:

„Und das ist eine Aktion, die kann man nicht dulden. Man kann doch nicht dulden, dass unsere Eltern, Großeltern, die auch teilweise unseren Wohlstand mit aufgebaut haben, dass die heute sozusagen sicherungsverwahrt werden, weil kein Geld dafür da ist, um eine menschenwürdige Pflege zu garantieren.“

Eine Kritik nicht an den Pflegekräften – die leiden oft selbst unter den Zuständen und geben alles, damit es den alten Menschen möglichst gut geht. Das betonten sowohl  Zuschauer als auch Podiums-Gäste. Doch wenn Pflegeheime Profit machen wollen, sparen sie gern am Personal.

Stadtgespräch aus Siegburg: Würde im Alter, Würde für Pflegende

WDR 5 Funkhausgespräche | 05.04.2018 | 56:10 Min.

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"Pflege lässt sich nicht ökonomisieren"

WDR 5 Stadtgespräch Siegburg

Auf dem Podium: Gäste aus den Bereichen Pflege und Politik.

Dr. Guido Heuel, Leiter des Fachbereichs Gesundheitswesen an der Katholischen Hochschule in Köln: „Es ist ein strukturelles Problem. Wir haben uns entschieden in den 90-er Jahren, wir werden diesen Pflegemarkt eröffnen als Markt. Und der Staat hat sich zurückgezogen. Ich bin der Meinung, dass wir gucken müssen: Gesundheit und Pflege lässt sich nicht ökonomisieren. Sie muss weiter in einer Staatshand bleiben. Es geht um die Wohlfahrts-Gesellschaft. Und solange wir Marktgesetze schalten und walten lassen, wird es ziemlich schwierig.“

Große Zustimmung auch vom neuen Pflege-Bevollmächtigten der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus: „Es kann nicht darum gehen, in erster Linie Rendite zu erwirtschaften. Und wenn ich sehe, dass sich jetzt ausländische Hedgefonds interessieren für den Aufkauf von stationären Altenpflege-Einrichtungen, um sie in kürzester Zeit wieder zu verkaufen, da muss ich sagen: Da stimmt in unserer Gesellschaft etwas nicht in unserer Entwicklung.“

Neue Ausbildung

Um mehr Pflegepersonal zu bekommen, will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ausländische Qualifikationen schneller prüfen und anerkennen. Außerdem soll die Ausbildung von Krankenpflegern und Altenpflegern zusammengeführt werden.

Und es gibt Alternativen zum üblichen Pflegeheim, wie zum Beispiel Senioren-Wohngemeinschaften. Die Siegburgerin Nicole Düppenbecker hat zwei solche WGs für Demenzkranke gegründet. „In der einen WG habe ich sieben Bewohner, in der anderen acht. Viele kommen aus den Heimen und sind in einem desolaten Zustand teilweise. Und wenn sie dann zu uns kommen, haben sie einen geregelten Tagesablauf, und da ist eine ganz tolle Ruhe.“

Heime oft ausgebucht

Die Wohngemeinschaften sind ausgebucht. Ebenso ein Großteil der Altenheime, die vom medizinischen Dienst der Krankenkassen bei den jährlichen Kontrollen gute Noten erhalten haben. In Würde altern – dieses Thema wird noch viele Jahre eine Herausforderung sein, für die Politik und für unsere Gesellschaft.

Stand: 06.04.2018, 01:30