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Wer schützt unsere Kinder vor Missbrauch? WDR 5-Stadtgespräch in Köln

WDR 5-Stadtgespräch "Wer schützt unsere Kinder vor Missbrauch?

Wer schützt unsere Kinder vor Missbrauch? WDR 5-Stadtgespräch in Köln

Von Udo Bühlmann

  • Offenheit dient Opfern und Vorbeugung
  • Täter sind strategisch und manipulativ
  • Einrichtungen müssen zusammenarbeiten

Die bislang unterschätzte Dimension von Kindesmissbrauch in Deutschland war Anlass für ein emotionales WDR5-Stadtgespräch am Donnerstag (16.01.2020) im Kölner Funkhaus. Im Fall Bergisch Gladbach sind der Polizei zufolge über Generationen hinweg 36 Kinder betroffen, es gebe 51 Tatverdächtige. Und die Zahlen könnten noch steigen: 200 Beamte suchen nach weiteren Tatverdächtigen in mehreren tausend Dateien. Ihre Ermittlungen erstrecken sich auf 13 Bundesländer.

Thema wird immer offener besprochen

Moderator Ralph Erdenberger ging es im Gespräch mit Experten nicht darum, "die politische Verantwortung hin und her zu schieben". Die Kinder und ihre Perspektiven stünden im Mittelpunkt, denn sie und ihr Leben würden dauerhaft vom Missbrauch geprägt. Unter den etwa 100 Gästen im Kleinen Sendesaal waren auch Betroffene. Sie schilderten der WDR-Journalistin Friederike Müllender ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt in der Kindheit.

Missbrauch verändert alles - lebenslang

WDR-Journalistin Friederike Müllender interviewt Gäste

Friederike Müllender im Gespräch mit dem Publikum

Eine Buchautorin wurde im Alter von sieben Jahren missbraucht und beschreibt ihr Trauma: Sie habe sich damals komplett verändert, sei schlechter in der Schule geworden, ihre Fröhlichkeit ging verloren. Die Drohungen des Täters hätten ihr Angst gemacht und verhindert, dass sie sich anderen mitteilt.

Ein anderer Betroffener betont, wie Missbrauch fortan das ganze Leben bestimmt: Der Leistungseinbruch in der Schule wirke sich auf den Bildungsweg aus und verschlechtere so die beruflichen Chancen. Auch gebe es bei ihm bis heute emotionale Folgestörungen: Er könne zum Beispiel nicht mehr Geburtstag oder Weihnachten feiern.

Kinder verlieren Ur-Vertrauen

Ursula Enders von "Zartbitter" Köln

Diplompädagogin Ursula Enders von "Zartbitter"

Diplom-Pädagogin Ursula Enders von der Kölner Beratungsstelle Zartbitter bestätigte aufgrund ihrer Erfahrung die Hilflosigkeit betroffener Kinder, deren "absolute Ohnmacht und Isolation". Sie suchten die Schuld bei sich selbst und wären zutiefst verunsichert durch die Frage: Wem kann ich vertrauen?

Hilfsangebote für das Undenkbare

Der Bonner Psychotherapeut Prof. Dr. Arnfried Bintig betonte die besondere Dramatik des Vertrauensverlustes, wenn der Missbrauch innerhalb der Familie stattfindet. Sobald es Verdachtsmomente gegen den einst gewählten Partner gebe, neige der andere Elternteil zur Verdrängung. Hinweise müssten immer von außen kommen, denn familienintern hielte niemand solche Taten für möglich.

Täter bleiben Bezugspersonen

"Kinder aus den Fängen ihrer Peiniger zu befreien,“ darin sieht Michael Esser, Kriminaldirektor aus Köln, die Aufgabe der Polizei. Besonders schwer sei das, wenn der Täter Bezugsperson des betroffenen Kindes bliebe. Das nehme dann die Übergriffe nicht unbedingt als kriminellen Akt wahr und liebe einen Vater weiterhin, suche trotz der Missbrauchserfahrung dessen Nähe.

Psychotherapeut Bintig: "Wer am längsten und am besten missbraucht, ist der King"

Auch verzweigte Netzwerke bestärken die Täter, so Kriminaldirektor Esser. Das Internet verschärfe die Situation, weil jeder Missbrauch sofort - sogar live - mit Gleichgesinnten geteilt werden kann. In der Internet-Community werde bewundert, wer seine Taten besonders lange und "erfolgreich" durchführe, bestätigt Bintig: Ein Pflegekind zu bekommen, wie der Haupttäter im Fall Lügde, sei das Größte in der Szene.

Stadtgespräch aus Köln: Wer schützt unsere Kinder vor Missbrauch

WDR 5 Stadtgespräch 16.01.2020 55:44 Min. Verfügbar bis 15.01.2021 WDR 5

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Täter bauen Nähe auf

Täter seien sexuell und emotional meist nur an Kindern interessiert, sagt die Erfahrung des Psychotherapeuten: "Sie können sich gut einfühlen in die Welt der Kinder und fühlen sich mit ihnen besonders wohl." Das Opfer werde verwöhnt und manipuliert, Mädchen zur "Prinzessin" erhöht, die Familie durch dieses Umgarnen systematisch gespalten. Dass der Missbrauch den betroffenen Kindern schade, werde ausgeblendet.

Zusammenarbeit aller Einrichtungen nötig

Um möglichst schnell und effizient zu helfen, fordert der stellvertretende Jugendamtsleiter Klaus-Peter Völlmecke aus Köln die Zusammenarbeit aller Einrichtungen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Schulen brauchten Ansprechpartner vor Ort, Eltern Unterstützung auf allen Ebenenen und schnelle, gute Informationen und Hilfe - zum Beispiel durch Fachberatungsangebote auf Landesebene. Die müssten ausgebaut werden.

Es diskutierten mit den Hörerinnen und Hörern:

  • Psychotherapeut Prof. Dr. Arnfried Bintig, Bonn
  • Diplom-Pädagogin Ursula Enders, Beratungsstelle Zartbitter Köln
  • Michael Esser, Kriminaldirektor Köln
  • Stellvertretender Jugendamtsleiter Klaus-Peter Völlmecke, Köln

Moderation: Ralph Erdenberger und Friederike Müllender
Redaktion: Lothar Lenz und Annette Kling

Stand: 17.01.2020, 08:15