Stadtgespräch in Lügde: Wie Missbrauch verhindern?

WDR 5-Stadtgespräch in Lügde

Stadtgespräch in Lügde: Wie Missbrauch verhindern?

Von Tim Belke

  • Emotionale Diskussion im Klostersaal in Lügde
  • Bisher keine therapeutische Aufarbeitung möglich
  • Bestehende Hilfen reichen nicht aus

Beim gut besuchten WDR 5-Stadtgespräch am Donnerstag (11.04.2019) in Lügde sprachen Besucher mit Experten darüber, wie man Opfern von Missbrauch besser helfen könnte. "Wie können wir unsere Kinder besser schützen?", war eine der zentralen Fragen des Abends.

„Wir sind bestürzt, fassungslos, traurig und beschämt.“ Gleich zu Beginn fasst eine Besucherin zusammen, was viele im Klostersaal in Lügde fühlten.

Stadtgespräch aus Lügde: Kann man Kindesmissbrauch verhindern?

WDR 5 Stadtgespräch 11.04.2019 55:55 Min. Verfügbar bis 10.04.2020 WDR 5

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Opfer dürfen erst spät mit Therapie beginnen

Einige Besucher waren auch gekommen, um ihrer Wut Luft zu machen. Wut über die Taten auf der einen Seite, Wut aber auch über Fehler der Behörden, die die Betroffenen nicht geschützt hätten.

Entsetzt reagierten viele Besucher auf die Information, dass Kinder keineswegs nach dem Missbrauch sofort mit der Bewältigung des Erlebten beginnen dürfen.

Viel Publikum beim WDR 5 Stadtgespräch über Kindesmissbrauch in Lügde

Erst wenn das Strafverfahren abgeschlossen ist oder der Beschuldigte eine Aussage gemacht hat, ist eine Thearapie in vollem Umfang erlaubt.

Therapie kommt zu spät

Eine Besucherin schilderte den Fall ihrer eigenen Tochter, die in einem früheren Fall Opfer sexuellen Missbrauchs wurde. Die Polizei habe dem damals neunjährigen Mädchen wörtlich gesagt, sie dürfe nicht über die Tat sprechen. Lange Zeit werden betroffene Kinder "nur" stabilisiert, um den Gerichtsprozess nicht zu gefährden.

Kinder müssen mehrfach Aussagen machen

Renate Blum-Maurice vom Kinderschutzbund NRW bestätigte das und forderte Abhilfe in Form von einmaligen Videovernehmungen der Kinder. Im Fall Lügde mussten Kinder bereits mehrfach Aussagen bei der Polizei machen. Erst danach könnten Aufarbeitungstherapien beginnen.

Engmaschige 1:1-Betreuung der Missbrauchsopfer möglich

Die NRW-Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz sprach sich für schnellere Verfahren aus und verwies darauf, dass eine Verbesserung der psychischen Situation von Betroffenen durchaus schon im Laufe eines Verfahrens möglich sei. Dafür sei Anfang 2017 das Instrument der sogenannte psychosozialen Prozessbegleitung geschaffen worden.

"Die Hilfen reichen nicht aus"

Nach 55 Minuten emotionaler Diskussion im Klostersaal in Lügde blieb bei manchem Besucher ein „unbefriedigendes“ Gefühl, wie Jens Ruzsitska es ausdrückte.

Elke Vieth im Gespräch mit einem betroffenen Vater

Der Vater von zwei Töchtern hatte bereits 2016 Hinweise auf sexuellen Missbrauch an Polizei und Jugendamt gegeben. Die Hilfsangebote kämen nicht bei den Opfern an, kritisierte er.

Zustimmung kam von einer jungen Frau, die sich als Betroffene vorstellte: „Die Hilfen, die zur Verfügung stehen, reichen nicht aus“, sagte sie unter Tränen.

Auf dem Podium diskutierten:

  • Elisabeth Auchter-Mainz, NRW- Beauftragte für den Opferschutz
  • Renate Blum-Maurice, Kinderschutzbund NRW
  • Axel Lehmann, Landrat Kreis Lippe, SPD
  • Heinz Reker, Bürgermeister Stadt Lügde, Parteilos

Moderation: Thomas Koch und Elke Vieth
Redaktion: Solveig Münstermann und Elke Vieth

Stand: 15.04.2019, 11:07