Publikum mit Plakaten

Stadtgespräch: Inflation bedroht soziale Arbeit

Stand: 30.09.2022, 06:48 Uhr

Energie, Mieten, Lebensmittel – überall steigen die Preise, das bringt auch soziale Einrichtungen in Bedrängnis. Darum ging es beim WDR 5 Stadtgespräch in Bielefeld, bei dem es auch eine gute Nachricht gab.

Erst einmal aber wurde deutlich, wie stark die Inflation soziale Träger belastet. So will die Arbeiterwohlfahrt in Ostwestfalen-Lippe nicht nur das Berufskolleg für Sozial- und Gesundheitswesen in Bielefeld aufgeben. Aus Kostengründen sollen auch ein Frauenhaus in Minden, eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen in Löhne und eine Mutter-Kind-Klinik in Horn-Bad Meinberg geschlossen werden – trotz guter Auslastung.

Stadtgespräch aus Bielefeld: Inflation bedroht Soziales

WDR 5 Stadtgespräch 29.09.2022 55:52 Min. Verfügbar bis 29.09.2023 WDR 5


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Zu wenig Personal in Kitas und Co.

Publikum beim WDR 5 Stadtgespräch in Bielefeld

Das Publikum diskutierte rege mit.

"Die Mütter kommen hierher, um Kraft zu schöpfen, mit ihren Kindern. Es geht um Menschen", brachte eine Mitarbeiterin ihre Empörung zum Ausdruck. Auch die Entwicklung in anderen sozialen Arbeitsfeldern macht dem Publikum Sorgen: Unterbesetzte Kitas, hoher Krankenstand, Personalausfälle. "Alles, was nicht Profit macht, wird an den Rand gedrängt."

Soziale Träger in finanzieller Schieflage

Christian Woltering, Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege in NRW, weiß, das die Beispiele keine Einzelfälle sind. "Die Kosten gehen durch die Decke, gleichzeitig stagnieren die Einnahmen." Seit Mitte des Jahres fielen auch Corona-Hilfen weg. All das bringe soziale Träger in eine finanzielle Schieflage.

Das Podium diskutiert beim WDR 5 Stadtgespräch in Bielefeld

Die Podiumsgäste beim Stadtgespräch.

Gewerkschaftssekretärin Nicole Krug (verdi) sieht aber auch Versäumnisse in der Vergangenheit, so sei etwa zu wenig in Gebäude investiert oder modernisiert worden. Doch solche Investitionen müssten auch refinanziert werden können, entgegnete Christian Woltering. Mit den Sätzen der Kostenträger sei das nicht möglich.

AWO-Berufskolleg soll weitermachen

Oberbürgermeister Pit Clausen beim WDR 5 Stadtgespräch

Oberbürgermeister Pit Clausen

Immerhin: für das AWO-Berufskolleg gibt es gute Nachrichten. "Ich bin sehr sicher, dass das Kolleg nicht geschlossen wird und fast sicher, dass die Stadt Bielefeld in die Trägerschaft eintreten wird", erklärte Oberbürgermeister Pit Clausen. Die Stadt brauche das Kolleg, an dem Erzieherinnen und Erzieher ausgebildet werden, brauche Fachkräfte für Kitas und die Ganztagsbetreuung in Schulen. "Wir können es uns nicht leisten, dass diese Kolleg aufhört zu arbeiten."

Die Verteilungsfrage stellen

Doch wie sieht es für andere Bereiche aus? Wer zahlt, wenn alles teurer wird? Auch Kommunen, das Land, Verbände schwimmen nicht im Geld, machte Woltering deutlich. Gleichzeitig gebe es einen enormen Reichtum in Deutschland. "Da kommen wir nicht umhin, die Verteilungsfrage zu stellen.“"

Im Publikum gab es dafür Applaus. "Eigentlich braucht es eine Revolution. Das ganze soziale System muss neu gedacht werden", sagte eine Frau, und ein anderer Gast ergänzte: "Das Maß einer Gesellschaft ist Bildung, Schule, Gesundheit. All das kann man nicht in Kosten fassen."