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Pro und Contra: Können Karnevalskostüme rassistisch sein?

Karnevalist mit schwarz angemaltem Gesicht und Knochenkette

Pro und Contra: Können Karnevalskostüme rassistisch sein?

Indianer oder Chinese, Rastafari oder Afrikaner mit Knochenkette – für die einen sind das einfach Karnevalskostüme. Andere empfinden solche Verkleidungen als rassistisch. Ist das alles nur ein großer Spaß oder pure Ignoranz?

Karnevalskostüme können rassistisch sein, meint Scala-Autorin Noelle O’Brien-Coker. Die stereotypisierende Darstellung von gesellschaftlich benachteiligten ethnischen Gruppen sei per se rassistisch.

Die Verkleidung als Schwarzer ist rassistisch

WDR 5 Scala - aktuelle Kultur 17.02.2020 03:14 Min. Verfügbar bis 16.02.2021 WDR 5 Von Noelle O'Brien-Coker

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Als Schwarze(*) Kölnerin habe ich ein gespaltenes Verhältnis zum Karneval. Ich bin selbst nicht besonders jeck, aber die Stimmung in der Stadt ist schon besonders. Zu keiner anderen Jahreszeit sind überfüllte U-Bahnen so entspannt wie jetzt: Man begegnet sich offen, freundlich und ist zusammen lustig. Zumindest für mich, viele andere People of Color und einige Rassismus-sensibilisierte Weiße wird dieses gemeinschaftliche Idyll allerdings regelmäßig zunichte gemacht: Wenn wieder einmal eine Person in die Bahn steigt, die sich als "Verkleidung" beispielsweise für einen künstlichen Afro entschieden hat oder sogar für Blackfacing, also das dunkle Schminken der eigenen Haut. Besonders groß war mein Entsetzen, als eine Bekannte kurz vor dem Karneval stolz erzählte, sie sei mal als "Afrikanerin" gegangen. Völlig unbeschwert beschrieb sie die Details ihres Kostüms: "Ich habe mir schön den Po ausgestopft und die Brüste und mir die Lippen so schwülstig gemalt." Das alles sagte sie wohlgemerkt in meiner Anwesenheit.

Blackfacing ist eine uralte rassistische Tradition

Jecken auf dem Rosenmontagszug in Münster

Blackfacing ist eine alte rassistische Tradition

"Sei doch keine Spaßverderberin", heißt es so gern, wenn ich wieder einmal in Wallungen gerate. Mir und meinen Vorfahren wurde über Jahrhunderte mehr als nur der Spaß verdorben, zum Beispiel durch Kolonialismus, Sklaverei, strukturelle Diskriminierung und Alltagsrassismus. Blackfacing etwa ist eine uralte, rassistische Tradition, die in den USA seit dem 19. Jahrhundert in sogenannten Minstrel-Shows genutzt wurde: Weiße malten sich ihre Gesichter schwarz und performten auf Theaterbühnen als angebliche Sklav*innen. Die stereotype Darstellung war ein absichtlich gewaltvolles Mittel, das Schwarze nicht nur als dumm und faul darstellen, sondern so auch die Vorherrschaft der Weißen legitimieren sollte.

Auch in Deutschland und Europa stand die zwanghafte Beschäftigung mit den Körpermerkmalen schwarzer Personen noch im 20. Jahrhundert auf der Tagesordnung. In Menschenzoos konnten die "Wilden" wie Tiere kollektiv begafft werden. Die pseudo-wissenschaftliche Vermessung etlicher afrikanischer Schädel sollte die empirische Grundlage für eine rassistische Gesellschaftsordnung liefern. Was dann kam, heißt NS-Regime und ist zum Glück allgemein bekannt – im Gegensatz zur deutschen Kolonialgeschichte. Immerhin.

Stereotypisierende Darstellungen sind rassistisch

Die Moderatorin Amelie im Indianer-Kostüm mit einer weiteren Indianerin

Indianerkostüm: Rassistisch oder vertretbar?

Es sei ja nicht böse gemeint, wird mir auch nicht selten entgegnet. Und jedes Mal antworte ich dasselbe: Leider hat die Wirkung einer Handlung nicht unbedingt etwas mit ihrer Absicht zu tun. Rassistische Handlungen kommen auch ganz ohne rassistische Intention und ohne Springerstiefel aus. Die stereotypisierende Darstellung von gesellschaftlich benachteiligten ethnischen Gruppen aufgrund ihres Aussehens ist per Definition rassistisch. Die Frage ist also nicht: Ist dieses Kostüm nun rassistisch: ja oder nein? Sondern: Möchte ich das Kostüm – trotz Rassismus und den Argumenten der betroffenen Gruppen – immer noch tragen?

Spaß haben kann nur, wer die Geschichte nicht kennt

Besonders gerne wird ansonsten auch die Freiheit als Argument herangezogen: "Ich lasse mir das nicht verbieten!" Das muss zum Glück auch niemand, schließlich kann ich keine Gesetze erlassen. Kritik ist nicht Zensur – am Ende gehen alle als was sie wollen. An der klischeehaften und exotisierenden Darstellung schwarzer Personen kann allerdings nur Spaß haben, wer die Geschichte und die Sicht der Betroffenen nicht kennt beziehungsweise beides bewusst ignoriert. Leisten können sich diese Amnesie wiederum nur diejenigen, die eben nicht betroffen sind.

Krauses Haar und Schwarze(*) Haut: Bis heute sind das Merkmale, für die Menschen herabgewürdigt, ausgebeutet, nicht selten sogar getötet werden – dieselben Merkmale sollen anderen zur Belustigung dienen? Ein wahrhaft seltsamer Humor.

(*)Die Autorin schreibt Schwarz immer groß, um es von der Farbe abzugrenzen und als politische Positionierung kenntlich zu machen. Das ist innerhalb der Schwarzen Community gängig.

Stand: 17.02.2020, 12:25