Pro und Contra: Hat Karl Marx ausgedient?

links: grünes Karl-Marx-Ampelmännchen, rechts: rotes Karl-Marx-Ampelmännchen

Pro und Contra: Hat Karl Marx ausgedient?

Wir sollten wieder Karl Marx lesen, meint Mithu Sanyal. Vieles könne man von ihm lernen. Ulrich Horstmann widerspricht: Marx hat ausgedient. Alle politischen Systeme, die sich auf den Philosophen und Ökonom beziehen, seien gescheitert.

Pro: Wir können für unsere heutige Welt viel von Karl Marx lernen, meint Mithu Sanyal und plädiert dafür, "Das Kapital", das "Kommunistische Manifest" und Co. wieder aus dem Regal zu ziehen.

Kommentar: Wir sollten wieder Karl Marx lesen

WDR 5 Scala - aktuelle Kultur | 01.05.2018 | 03:00 Min.

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Sollten wir Marx lesen? Was ist denn das für eine Frage? Ist der Kapitalismus etwa abgeschafft? Nein. Na also. Karl Marx hat nicht nur die komplexeste Kritik dieses Systems vorgelegt, sondern den Kapitalismus als erster überhaupt als solchen erkannt – und nicht als den natürlichen Zustand des Marktes. Er hat gezeigt, dass der Kapitalismus eine Geschichte hat mit einem Anfang und dass er von daher auch ein Ende haben kann.

Ja, klar hat sich der Kapitalismus, seit Marx "Das Kapital" geschrieben hat, so häufig gewandelt, dass er ihn nicht wiedererkennen würde, wenn er ihm auf einem silbernen Tablett mit Kresse serviert würde. Aber genau diese Veränderungen hat Marx als integralen Teil des Systems beschrieben.

Der Kapitalismus funktioniert nicht

Mithu Sanyal

Mithu Sanyal, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin

Wo andere, wie der Feudalismus, nach Stabilität streben, ist der Kapitalismus stets auf der Suche nach Neuerungen, um noch mehr Waren noch billiger produzieren und noch mehr Märkte erobern zu können. Weshalb es regelmäßig Perioden von selbstgeneriertem Zusammenbruch nicht nur gibt, sondern geben muss.

Bankenkrisen sind keine Erfindung der Lehman Brothers, sondern geschehen, seit es Banken gibt. Und Achtung Spoiler: Nach der Krise ist vor der Krise. Es gibt keine Stabilität im Kapitalismus. Rezessionen gehören zu ihm wie Friedrich Engels zu Karl Marx. Denn das ist der Trick beim Kapitalismus, dass er nicht funktioniert.

Unregulierte Märkte fördern Ungleichheit

Die Annahme, dass sich der Markt nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage reguliert, ist absurd. Sich selbst überlassen reguliert sich der Markt nur zu immer größerer Ungleichheit. Genauso wie Wohlstand auch nicht nach dem Gießkannenprinzip von oben nach unten durchsickert, weil das dem Gesetz von Gewinnmaximierung widerspricht.

Dass es ein paar Jahrzehnte lang anders aussah, lag zynischerweise an der Sowjetunion. Die war zwar von einem Marxschen Kommunismus Lichtjahre entfernt und hätte überhaupt Marx als erstes an die Wand gestellt und exekutiert. Aber Ihre Existenz zwang den Kapitalismus, ein menschliches Gesicht zu zeigen, um sich als das überlegene System zu präsentieren. Nach dem Motto: Ihr habt freie Krankenversorung und Sozialleistungen, das haben wir auch, und noch dazu freie Presse. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion können wir den Kapitalismus in seiner entfesselten Form bewundern.

Es gibt ein Leben jenseits des Kapitalismus

Sich Marx glasklare Analysen durchzulesen, wäre so deprimierend wie sich die Nachrichten anzuschauen, wenn es bei ihm nicht gleichzeitig immer die Perspektive gäbe, dass ein Leben jenseits der kapitalistischen Produktionsweise möglich ist. Und dass es sich lohnt, sich für ein solches Leben einzusetzen.

Marx ist so inspirierend, weil er uns dazu anregt, den Kapitalismus nicht nur punktuell zu kritisieren – also: Es sollen mehr Frauen in die Dax-Vorstände – sondern strukturell: Lasst uns die Dax-Vorstände abschaffen.

Von Marx lernen, heißt visionär denken lernen.

Contra: Das Denken von Karl Marx ist Geschichte. Und da gehört es auch hin, findet Ulrich Horstmann.

Kommentar: Karl Marx ist Geschichte

WDR 5 Scala - aktuelle Kultur | 01.05.2018 | 03:25 Min.

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Kurz nach dem Fall der Mauer ist eine Marx-Karikatur erschienen, die den Nagel auf den Kopf trifft. Da sieht man das Revolutions-Idol, wie es in der Pose des erwischten Pennälers gesteht: "Tut mir leid, Jungs! War halt nur so 'ne Idee von mir...". Heute, fast 30 Jahre später, kreisen die Phantasien erstaunlich vieler Intellektueller und politisch Engagierter wieder um diese "Idee". Tenor: Marx sei doch aktueller denn je! Tatsächlich? Kann eine Idee richtig sein, deren Umsetzung noch nie funktioniert hat?

Unbestritten ist, dass Karl Marx die gewaltige Kraft des Kapitalismus als einer der ersten erkannt hat. Da hat er manches für seine Zeit richtig analysiert. Trotzdem sind seine Ideen heute überholt, Marx' Traum vom kommunistischen Paradies ist für Millionen Menschen zu einem Horrortrip geworden.

Der Kommunismus ist an seinen Widersprüchen gescheitert

Ulrich Horstmann, 18.01.2018

Ulrich Horstmann, WDR 5-Redakteur

Der Philosoph aus Trier wird von seinen Anhängern vor allem für seine Überzeugung gefeiert, der Kapitalismus gehe unausweichlich an sich selber zugrunde. Tatsächlich sind aber Sozialismus und Kommunismus an ihren eigenen Widersprüchen gescheitert. Dagegen hat sich der Kapitalismus als ein raffiniertes, zähes Biest erwiesen, das sich jeder Umweltveränderung flexibel und smart anpasst.

Und wie soll nun eine Gesellschaft aussehen, wenn der Kapitalismus auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt ist? Auch da haben Revolutionäre schlechte Karten, denn bei diesem Thema ist Marx erstaunlich vage geblieben. Dem Publikum wird von seinen Epigonen als Alternative allenfalls eine Art zentralistische Planwirtschaft angeboten. Dumm nur, dass die meisten Menschen davon die Nase gestrichen voll haben. Aktuell ist auf Kuba – immer noch ein Sehnsuchtsort von einigen Sozialromantikern – das Klopapier knapp. Freilich – über solche peinlichen Details haben Revolutionäre schon immer großzügig hinweggesehen.

Der Kapitalismus hat das realistischere Menschenbild

Und es gibt noch einen heiklen Punkt: Der Kapitalismus hat einfach das realistischere Menschenbild. Unsere Gier, unser Egoismus sind im System gewissermaßen eingepreist. Das kann man beklagen, man muss es sogar oft. Trotzdem geht es den Menschen in kapitalistisch geprägten Ländern heute materiell insgesamt besser als jemals zuvor. Beispiel China. Mao und seine kommunistische Partei haben das Land wirtschaftlich vor die Wand gefahren – mit Millionen Opfern. Erst der Abschied vom kommunistischen Wirtschaftsmodell hat den meisten Chinesen einen immerhin bescheidenen Wohlstand gebracht.

Warum also der Hype um Marx? Gut möglich, dass manch einer die Unübersichtlichkeit unserer globalisierten Welt nicht aushält und im Kapitalismus den Sündenbock für alles Elend zu finden glaubt. Doch wer für mehr Gerechtigkeit kämpfen will, sollte dabei die Schwächen des Menschen einkalkulieren. Die hat Marx nämlich nicht auf seiner Rechnung gehabt. Der Philosoph Walter Schulz hat daraus den Schluss gezogen: "Man muss so handeln, als ob eines Tages eine bessere Menschheit Wirklichkeit würde." Eine solche Haltung des "als ob" ist anstrengend. Aber sie ist die ehrliche Antwort auf marxistische Erlösungsphantasien.

Stand: 25.04.2018, 13:36