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Breloer über Brecht: "Man konnte ihn nicht fassen"

Regisseur Heinrich Breloer steht bei einem Fototermin zu dem Doku-Drama Brecht vor einer Fotowand

Breloer über Brecht: "Man konnte ihn nicht fassen"

Bertolt Brecht, der Gründer des epischen Theaters, hat Filmemacher Heinrich Breloer ein Leben lang geprägt. Nun hat er ihm ein Doku-Drama gewidmet. Welcher Brecht lebte hinter der Fassade? Dem nähert sich Breloer im Film – und im Gespräch in Scala.

Kaum ein anderer Filmemacher hat den Deutschen ihre Geschichte so nah gebracht wie Heinrich Breloer. Jetzt hat er einen Zweiteiler über Brecht gedreht, der auf der Berlinale vorgestellt wurde. Die Ko-Produktion mit dem WDR läuft am 22. März auf Arte und am 27. März im Ersten. Dazu ist Breloers Buch zum Film "Brecht – Roman seines Lebens" erschienen.

Heinrich Breloer: Dokudrama über Bertolt Brecht

WDR 5 Scala - Hintergrund Kultur 14.02.2019 13:12 Min. WDR 5 Von Susanne Luerweg

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WDR 5:  Schon einer Ihrer ersten Filme hat sich um Bertolt Brecht gedreht. Was verbindet Sie mit Brecht?

Seine Uraufführung erlebt das TV-Event "Brecht" von Heinrich Breloer am 9. Februar 2019 in der Sektion Berlinale Special

"Brecht wollte von seinem Privatleben nichts erzählen"

Heinrich Breloer: Er hat früh in mein Leben hinein gesprochen, er hat mir Wege zu einem anderen Denken gezeigt. Mich hat interessiert, wie er sich in dieser Welt durchgesetzt hat. Da steht ein 18-Jähriger, oder 17 war er damals sogar erst, unter der Schillerstatue, es wird ein Foto von ihm gemacht, und er sagt: "Ich komm‘ gleich nach Goethe. Ich bin das letzte deutsche Genie." (…)

Ich wollte mehr von ihm wissen. War er wirklich nur so eine Fassade, die er uns liefert: Der Mann mit der Lederjacke und der Zigarre im Maul, unerschütterlich, Totenköpfe unterm Arm, durch nichts zu schrecken. Gab es da nicht eine Rückseite? Welcher Brecht lebte hinter dieser Fassade? (…)

WDR 5: Der erste Teil Ihres Dokudramas zeigt den jungen Brecht in der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Im zweiten Teil geht es vor allem um seine Zeit im Berliner Ensemble, in der DDR. Was macht Brecht heute noch so spannend?

Breloer: Er besteht auf zwei Dingen: auf dem unbedingten Glauben an die Vernunft – um mit der Vernunft, der größten Gabe der Menschen, Probleme zu lösen. Und dann das Recht auf Zweifel: die entwickelten Lösungen müssen bezweifelt werden können. (…) Er hat sich hinter einer Maske versteckt, er wollte von seinem Privatleben nichts erzählen. Nur die Seite zeigen, die das Werk ist.

WDR 5: Es gibt diese vielen Masken – Brecht, das Arbeitstier, der Mann, der das Theater revolutioniert hat, ein noch nicht ganz geklärtes, mitunter zwanghaftes Verhältnis zu Frauen. Das sind so Bilder, die mit Brecht verbunden sind. Sie versuchen irgendwie "reinzukriechen". Glauben Sie, das ist Ihnen gelungen?

Breloer: Es ist mir bestimmt an einigen Stellen gelungen. Brecht hatte ja die Eigenschaft, sich dauernd zu vervielfältigen und ein anderer zu sein. Man konnte ihn nicht fassen und er wollte sich nicht fassen lassen. (…)

Regisseur Heirnich Breloer mit den Schauspielern Tom Schilling (l) und Burghart Klaußner (r) vor dem ersten Drehtag.

Breloer mit dem jungen und alten Brecht im Film: Tom Schilling und Burghart Klaußner (r.)

Im Buch, es ist bewusst ein Roman, bin ich noch näher an ihn herangekommen, mit der Sprache und dem größeren Platz. Von ihm zu erzählen und die Zuschauer in Szenen mit hineinzunehmen: Das ist auch das, was der Film leisten kann. Und dann die realen Personen dazu zu schneiden und zu sagen: Seht, so sahen die Menschen aus, solche Personen waren das, die damals in sein sehr abenteuerliches Leben verwickelt waren.

WDR 5: Alle Frauen, mit denen Sie gesprochen haben, scheinen ihm noch sehr verbunden. Obwohl er sie zum Teil wirklich schäbig behandelt hat. Wie erklären Sie sich das?

Breloer: Paula (Paula Banholzer, seine erste Liebe, Anm. d. Redaktion), deren Leben hat er doch ein bisschen ruiniert: Er hat ihr ein uneheliches Kind geschenkt, sie musste das Studium abbrechen, einen nicht so geliebten Handelsvertreter heiraten. Sie hat es nicht leicht gehabt, war etwas verfemt, sagte ihr zweiter Sohn zu mir, als die Geliebte des Kommunisten Brecht. (…) Ich frage mich das auch - und ich habe keine genaue Antwort. (...)

WDR 5: Haben Sie immer nur Wertschätzungen gespürt im Gespräch mit den Weggefährten Brechts?

Portrait von Bertolt Brecht in Lederjacke, Zigarre rauchend an ein Klavier gelehnt.

Bertolt Brecht lebte von 1898 bis 1956

Breloer: Nein, nein, da wurden auch andere Geschichten erzählt. Bei Marianne Zoff, die zweite Geliebte, Ehefrau und Mutter seines Sohnes, hat er sich furchtbare Dinge geleistet. Ich wollte sie sprechen, sie war inzwischen die Frau von Theo Lingen, dem großen Komiker, geworden, der sie und ihre jüdische Mutter durchs Dritte Reich gebracht hat. Goebbels hat ihm das erlaubt, weil er diese Komiker ja brauchte. Und die hätte ganz andere Geschichten erzählt über seine Lügen, wie er sie betrogen hat. Ich zeige das im Film. Ich konnte sie nicht sprechen, ich habe es mehrfach versucht. Am Ende sagte Theo Lingen etwas genervt: "Wir sind mit Brecht durch." (…)

Das Gespräch führte Rebecca Link in WDR 5 Scala vom 14.02.2019

Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab und ist gekürzt. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt. Das komplette Gespräch finden Sie oben im Audioplayer zum Nachhören.

Stand: 14.02.2019, 11:52