Stefanie Carp: "Wäre klug gewesen, die Young Fathers gar nicht erst auszuladen"

Banner für die Ruhrtriennale 2018 bis 2010 an der Einfahrt zum Gelände der Jahrhunderthalle in Bochum

Stefanie Carp: "Wäre klug gewesen, die Young Fathers gar nicht erst auszuladen"

Heftige politische Debatten und ein Streit über Israelkritik gab es in diesem Jahr schon im Vorfeld der Ruhrtriennale. Mit einem stark politisch geprägten Programm startet das Festival am Donnerstag (9. August). Ein Gespräch mit Intendantin Stefanie Carp.

Ruhrtriennale: "Veränderung mitgestalten"

WDR 5 Scala - Hintergrund Kultur | 09.08.2018 | 13:29 Min.

Download

(Fortsetzung)

WDR 5: Ich denke Sie, freuen sich als Intendantin trotz der Schwierigkeiten, über die wir gleich noch sprechen wollen, jetzt darauf, dass es losgeht und dass endlich Theater und Tanz und Musik passiert.

Carp: Dass überhaupt Kunst passiert. Das ist ja das Merkwürdige am "Festival machen" im Unterschied zum Theater. Man ist fast das ganze Jahr mit Planen, Reisen, Künstler treffen, Budgets diskutieren beschäftigt. Ich hatte eine unglaubliche Freude, als die ersten Proben begannen, als ich überhaupt wieder auf Proben ging.

WDR 5: Was würden Sie uns besonders ans Herz legen von den vielen Produktionen, die noch bis Ende September zu sehen sind?

Ruhrtriennale-Programm vorgestellt

Flucht und Vertreibung sind zentrale Themen der diesjährigen Ruhr-Triennale.

Carp: "The Head & the Load" auf jeden Fall. Aber auch Serge Aimé Coulibaly. Das ist ein Choreograph aus Burkina Faso, der aber auch einige Zeit in Brüssel gelebt hat. Da geht es darum, welche Geschichte Afrika vor der Kolonialisierung hatte, welche Mythenbildungen es gab und wie diese Mythen weiterleben. Das ist ein relativ komplexes Thema für eine Choreografie. Exzeptionellste Tänzer, unfassbar, und Musik von Rokia Traoré.

WDR 5: Also auch ein politisches Programm. Wir haben gerade schon darüber gesprochen, dass Ihr Programm insgesamt ein politisches ist, und Sie sind ja selber schon zwischen die politischen Fronten geraten. Der Ministerpräsident folgt der Einladung nicht. Er hat es damit begründet, dass er sehr irritiert sei, wie Sie mit der Einladung der schottischen Band "Young Fathers" umgegangen seien. Die stehen einer israel-kritischen, manche sagen auch israel-feindlichen, Kampagne nahe: der sogenannten BDS (dt. Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen). Überhaupt ist in den letzten Wochen nicht über Ihr Programm gesprochen worden, sondern nur über die Ruhrtriennale und die "Young Fathers". Das war ein schwieriger Start, denke ich mal. Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Carp: Mir geht dieser ganze Populismus in dieser Debatte total auf die Nerven. Man wird dazu gezwungen, eine grob vereinfachende Position einzunehmen und darf sich offensichtlich nicht herausnehmen, differenzierter über bestimmte Themen nachzudenken und sich zu äußern.

WDR 5: Ist das vielleicht besonders schwierig? Erschwert das die Aufgabe einer Kuratorin, einer Intendantin, dass die gesellschaftliche Auseinandersetzung im Augenblick mit so harten Bandagen geführt wird? Dass die politischen Positionen irgendwie extremer geworden sind? Dass das Feld irgendwie überall vermint ist?

Carp: Wenn man international programmiert, muss man sehr unterschiedliche Perspektiven zulassen. Wenn das nicht mehr erlaubt wird, dann ist das natürlich schwierig. Jemand, der in Mala Mala (Anm. der Redaktion: Region in Südafrika) aufgewachsen ist, hat eine andere Perspektive auf die Welt als jemand, der in Frankreich aufgewachsen ist. Und das muss man zulassen. Was man nicht zulassen darf ist, wenn Künstler sich in ihren Kunstwerken rassistisch oder antisemitisch äußern. Das geht ganz klar nicht. Aber dass man sehr unterschiedliche Sichten auf die Welt hat und auch unterschiedlicher als sie hier goutiert werden, das muss erlaubt sein, sonst kann man nicht mehr international programmieren.

WDR 5: Wenn wir bei den "Young Fathers" kurz nochmal bleiben, die keine antisemitischen Texte haben, aber eben diese Kampagne unterstützen, die sich gegen alle möglichen Aktionen des Staates Israels wenden: Würden Sie sagen, das ist kein Antisemitismus, das ist eine Position, die man noch zeigen kann? Und die Kritik daran ist überzogen?

Young Fathers

Young Fathers

Carp: Ich möchte mich jetzt nicht auf eine Diskussion darüber einlassen, wie man den BDS bewertet. Die würde jetzt auch zu lange dauern. Aber es ist in jedem Fall falsch zu sagen, dass die "Young Fathers" antisemitisch sind. Das ist einfach nicht wahr. Sie haben sich auch in hunderttausend Interviews ganz deutlich von Antisemitismus distanziert.

WDR 5: Wäre es dann klüger gewesen, nicht so ein Hin und Her zu machen? Also sie einzuladen, sie auszuladen, sie wieder einzuladen? Wäre es klüger gewesen, dazu zu stehen und zu sagen: Die Position will ich auf der Ruhrtriennale haben?

Carp: Es wäre klug gewesen, sie gar nicht erst auszuladen. Das war ein Fehler. Das habe ich ja auch überall schon zugegeben.

WDR 5: Es gibt Politiker und Journalisten, die Ihren Rücktritt gefordert haben. Waren Sie überrascht, dass es soweit geht?

Carp: Nein, eigentlich nicht. Die ganze Debatte ist ja so populistisch und polemisch, dass ich über gar nichts mehr überrascht bin.

WDR 5: Aber sie rollt auch irgendwie über Sie hinweg. Also es kann sein, dass kann man als Möglichkeit nicht ausschließen, dass Sie Ihre Amtszeit nicht zu Ende führen werden.

Carp: Das kann sein, ja.

WDR 5: Damit rechnen Sie, dass das passieren kann?

Carp: Ich habe jetzt gerade andere Themen, als mir darüber Gedanken zu machen.

Das Interview führte Jörg Biesler am 09.08.2018 in WDR 5 Scala. Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab und kann teilweise gekürzt sein. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 09.08.2018, 17:58