Ruhrtriennale: "Populismus geht mir total auf die Nerven"

Stefanie Carp, Leiterin der Ruhrtriennale

Ruhrtriennale: "Populismus geht mir total auf die Nerven"

Heftige politische Debatten und ein Streit über Israelkritik gab es in diesem Jahr schon im Vorfeld der Ruhrtriennale. Mit einem stark politisch geprägten Programm ist das Festival am Donnerstag (9. August) gestartet. Ein Gespräch mit Intendantin Stefanie Carp.

Ruhrtriennale: "Veränderung mitgestalten"

WDR 5 Scala - Hintergrund Kultur | 09.08.2018 | 13:29 Min.

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WDR 5: Heute Abend geht’s los mit der Ruhrtriennale in Duisburg. Einst gegründet, um den Pott mit mehr Kultur zu füllen, um das Zeitalter nach der Schwerindustire mit Kunst zu beginnen. Mittlerweile auch international so bekannt und geschätzt, dass sich mancher schon Sorgen macht: Das Jetset könnte das Festival zu einem zweiten Salzburg machen. Intendantin für die nächsten drei Jahre ist Stefanie Carp. Eine heftige Kontroverse gab es schon in den Wochen vor der Eröffnung. Ministerpräsident Armin Laschet hat gesagt, er kommt gar nicht zur Eröffnung und will auch keine andere Veranstaltung besuchen.

Sie haben ein sehr politisches und internationales Festival zusammengestellt. Heute Abend geht es los mit William Kentridge, ein Grenzgänger zwischen bildender Kunst und Theater. "The Head & the Load" heißt das Stück – Kopf und Last. Es geht um Afrika, es geht um Europa und es geht um den Ersten Weltkrieg. Kann man sagen, das ist ein Stück, das stellvertretend für das Gesamt-Konzept der Ruhrtriennale steht?

Carp: Ja, in gewisser Weise. Obwohl sich natürlich nicht jede einzelne Produktion mit dem postkolonialen Thema beschäftigt. Aber der Erste Weltkrieg, der teilweise in Afrika in Kolonien geführt wurde und in dem Millionen von afrikanischen Menschen auf Schlachtfelder geschickt wurden, um für etwas zu kämpfen, was ja gar nicht ihre Sache war, das ist wahrscheinlich die größte Paradoxie des Kolonialismus.

WDR 5: Das Thema hatten wir gerade auch, weil in Berlin im Augenblick darüber nachgedacht wird, wie mit den Artefakten, die aus diesen Kriegen nach Deutschland gekommen sind, umgegangen werden soll. Ob man die möglicherweise zurückgeben muss. Ihre Ruhrtriennale haben sie "Zwischenzeit?" genannt. Also da ist ein Fragezeichen hintendran. Ist das Ihre Diagnose? Wir leben in einer Übergangszeit?

Carp: Naja "Zwischenzeit?" ist eigentlich ein Kunstbegriff für mich. Der sich herausnimmt, sich vorzustellen, dass man jetzt noch einmal Zeit hätte, die Veränderungen aller Verhältnisse, die uns bevorstehen oder die schon begonnen haben, mitzugestalten. Und das meine ich durchaus positiv. Dass man etwas Kreatives tut, dass man nicht einfach Angst hat, sondern dass man Veränderung als etwas Interessantes und neugierig Machendes betrachtet.

WDR 5: Das wäre sicherlich eine wichtige Haltung für die kommende Zeit. Deswegen sieht das Festivalzentrum auch aus wie ein gestrandetes oder gerade im Aufbau befindliches Flugzeug?

Carp: Ja, das ist genau der Doppelsinn dieses Flugkörpers. Das hat Raumlabor (Anm. der Redaktion: Künstlergruppe aus Berlin) gestaltet. Das ist ein Flugzeug, von dem man nicht genau weiß, ob es gerade bruchgelandet ist oder ob es gerade neu aufgebaut wird. Oder beides. Und das wird jedes Jahr auch ein bisschen anders aussehen.

WDR 5: Ist das vielleicht so eine Leitlinie des Programms? Der Versuch, zu tasten, langsam sich vorzuwagen, wie man mit der von Ihnen gerade beschriebenen Situation umgehen kann? Da ist die Kunst ja vielleicht ein Feld, auf dem das leichter fällt als in der Realität.

Stefanie Carp, die Intendantin der Ruhrtriennale, bei einer Pressekonferenz

Stefanie Carp, Intendantin der Ruhrtriennale

Carp: Natürlich nicht so konkret. Es gibt einen schönen kurzen Satz von Harald Welzer (Anm. der Redaktion: deutscher Soziologe und Sozialpsychologe): Weiterbauen am zivilisatorischen Projekt. Das denke ich immer, wenn ich dieses Flugzeug von Raumlabor sehe. Was Kunst ja tut ist, dass sie Erfahrungen auf eine viel sensiblere und hellsichtigere, aber auch komplexere Weise auslotet, als man das in einem Zeitungsartikel tun würde oder in einem Interview sagen kann oder in einem Dokumentarfilm.

Das ist eben eine sehr individuelle oder auch eine sehr kollektive Fantasie, die uns teilweise auch Probleme verschafft. Ich finde, das ist auch eine wichtige Aufgabe von Kunst, dass sie uns irritiert, uns zu einem anderen Aufmerksamkeitssinn oder einer anderen Wahrnehmungserweiterung führen kann.

WDR 5: Das ist ganz schön, wie Sie das beschreiben. Dass man einfach mit dem Andersartigen, vielleicht auch Seltsamen, vielleicht Verstörenden in Kontakt tritt und dann die eigene Position nochmal hinterfragen muss. Ich habe gerade schon gesagt, es gibt schon Kritiker, die sagen, die Ruhrtriennale ist so erfolgreich, dass sie bald das zweite Salzburg wird, weil das internationale "Champagner-Jetset" einfliegt, um sich diese hochwertigen Produktionen anzuschauen. Bei Ihnen ist das wahrscheinlich nicht als Problem auf der Tagesordnung, weil Sie sich ganz andere Gedanken machen.

Carp: Ja, ich habe aber auch bei früheren Ruhrtriennalen das internationale "Champagner-Jetset", was auch immer das sein soll, jetzt nicht so gesichtet. Das Publikum der Ruhrtriennale ist ein vorwiegend doch immer noch ein regionales Publikum. Ich habe es nie als Jetset-Publikum und auch nie als den großen Treffpunkt der Eliten empfunden. Das hat auch mit den Eintrittspreisen zu tun, die ja deutlich niedriger sind als in Salzburg. Wenn mehr internationale Gäste kämen, würde das der Ruhrtriennale eher gut tun. Die Gefahr, dass es zu einem zweiten Salzburg wird, besteht nicht.

WDR 5: Sie sind nicht verpflichtet, das Ruhrgebiet bei der Ruhtriennale irgendwie mitzudenken, sondern Sie können ein Programm machen, mit Themen, die Sie im Moment für wichtig halten. Aber ist Ihnen das Ruhrgebiet irgendwie wichtig? Hat es eine Funktion, ist es ein besonderer Ort?

Zeche Zollverein

Zeche Zollverein

Carp: Naja, einmal sind da natürlich diese unfassbar eindrucksvollen Industriedenkmäler, die ja inzwischen wie Kunstwerke oder Skulpturen in der Landschaft stehen, eine ganz große Herausforderung und auch eine große Attraktion dieses Festivals und dieses Gebietes. Ich glaube, das beeindruckt auch alle Künstler. Also William Kentridge zum Beispiel, der das Ruhrgebiet überhaupt nicht kannte, hat gestern zu mir gesagt, das war eine unglaubliche "pleasure" (deutsch: Vergnügen) für ihn, hier zu arbeiten. In dieser Landschaft, mit diesen Gebäuden. Und er könnte sich sein "The Head & the Load" nirgendwo anders besser aufgehoben denken als in der Kraftzentrale.

Das Interview führte Jörg Biesler am 09.08.2018 in WDR 5 Scala. Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab und kann teilweise gekürzt sein. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 09.08.2018, 14:05