Kulturerbe: Vom Atommeiler bis zur Orgel

Kulturerbe: Vom Atommeiler bis zur Orgel

Von Claudia Friedrich

Zukunft gestalten heißt Vergangenheit verstehen. Im europäischen Kulturerbejahr 2018 setzen sich Institutionen und Museen aus verschiedenen Ländern mit ihren Erbstücken auseinander - materielle und immaterielle.

Kirche St. Johannes Baptist und Orgelmuseum

Hoher Turm. Geschwungener Helm. Barock auf Gotik. Die Kirche St. Johannes Baptist markiert das Herz der Stadt Borgentreich. Ihr Spitzdach auf dem Schiff galt als architektonische Revolution in der Zeit der Erbauung um 1840. Eine neogotische Perle Westfalens, die es in sich hat: eine Klosterorgel aus dem 17. Jahrhundert. Vor der Kirche steht das ehemalige Rathaus. Der klassizistische Bau aus grauen Steinquadern beherbergt das erste Orgelmuseum der Bundesrepublik.

Hoher Turm. Geschwungener Helm. Barock auf Gotik. Die Kirche St. Johannes Baptist markiert das Herz der Stadt Borgentreich. Ihr Spitzdach auf dem Schiff galt als architektonische Revolution in der Zeit der Erbauung um 1840. Eine neogotische Perle Westfalens, die es in sich hat: eine Klosterorgel aus dem 17. Jahrhundert. Vor der Kirche steht das ehemalige Rathaus. Der klassizistische Bau aus grauen Steinquadern beherbergt das erste Orgelmuseum der Bundesrepublik.

Zwischen Rundsäulen und Kreuzrippen steht eine der größten Barockorgeln Europas. Das Gehäuse aus Holz von Eichen, Tannen, Linden umfängt 3017 Pfeifen. Barockes Schnitzwerk, das Akanthusblätter, Früchte und Blüten zeigt. Bis 1803 stand das wertvolle Blasinstrument im Kloster Dahlheim. Während der Säkularisierung kaufte die Borgentreicher Bürgerschaft den Augustinermönchen die Orgel ab. Von 2005 bis 2011 wurde das Instrument aufwendig restauriert.

Seit Dezember 2017 gehören Orgelbau und Orgelmusik zum UNESCO-Weltkulturerbe. Jörg Kraemer, Kirchenmusiker und Leiter des Orgelmuseums, spielt auf Tasten aus Birnbaum, Ebenholz und Mammutknochen. Mit Wissen, Erfahrung und Demut steuert er die Springlade an. Die Springlade ist das Herz der Orgel, das die Winde speichert und in die Pfeifen führt. Bei den Springladen handelt es sich um einen filigranen Mechanismus aus Ventilen, Metallstiften und Federn, eine aufwendige Konstruktion, die nur noch selten zu finden sind. Sie schicken den Wind in die hohlen Säulen, Stimmimitatoren aus Blei. Bekommen sie Wind, ahmen sie nach: Gamben, Violinen, Flöten, Trompeten.

"Ich habe eine ambivalente Haltung zum Kulturerbe", sagt Ute Schneider, Historikerin und kommissarische Leiterin des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen. "Erbe bezieht sich auf die Vergangenheit, Bewahren auf die Gegenwart. Bleibt die Frage, welche Zukunftsbilder wir mit dem Kulturerbe verbinden. Darin liegt die Herausforderung eines Kulturerbejahres."

Würgassen an der Weser. Reisebusse stehen auf dem Parkplatz vor dem Kernkraftwerk. Touristenführer erklären die Sehenswürdigkeit. Natürlich ist das reine Fiktion. Der Parkplatz ist leer. Das Kernkraftwerk wird zurückgebaut. Auf dem Gelände stehen die Reste des Meilers, der bis 1994 in Betrieb war. Inspektoren entdeckten Haarrisse im Stahlmantel am Reaktorkern. Doch wäre es nicht interessant, ein Atomkraftwerk zum Denkmal zu erklären? Unbedingt, sagt die Historikerin Ute Schneider. Erstens stehe ein Kernkraftwerk fürs Atomzeitalter und zweitens führe es vor Augen, wie die Zukunft unter Umständen nicht aussehen soll.

Im Paderborner Dorf im Freilichtmuseum Detmold steht ein zweigeschossiges Fachwerkhaus, typisch für das 18. Jahrhundert, eines der wenigen Zeugnisse jüdischen Landlebens. In dem Haus lebte die Witwe von Soistmann Behrend. Der Händler wurde auf seinem Nachhauseweg ermordet. Er diente als Vorbild für das Opfer in der Novelle Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff. Die letzten Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses waren Norbert und Lene Uhlmann mit ihrer Adoptivtochter Ilse. 1941 wurde die Familie nach Riga deportiert und drei Jahre später in Auschwitz ermordet. Eine der vielen Geschichten der Shoa, die die Erinnerungskultur prägt. Gedenken und Erinnern spielen im Europäischen Kulturerbejahr 2018 eine zentrale Rolle.

Die Bibliothek in der Reichsabtei Corvey war eine der wichtigsten Bibliotheken im Mittelalter. Sie enthielt unter anderem Pergamente aus dem 9. Jahrhundert und Abschriften antiker Texte. In der Zeit der Säkularisierung wurde die Klosterbibliothek aufgelöst. Seither lagern 2500 Bände an verschiedenen Orten, in Paderborn, Marburg, Münster, Bonn. Forschende suchen den 1000 Jahre alten Wissenshort zu rekonstruieren, doch wird es immer nur eine Annäherung bleiben. Unter dem Namen Nova Corbeia erlebt die Klosterbibliothek eine digitale Blüte.

Im Europäischen Kulturerbejahr werden nicht nur materielle, sondern auch immaterielle Erbstücke in den Blick genommen, seien es die Fluchtwege der Hugenotten oder der Westfälische Frieden in Osnabrück und Münster. Das gotische Rathaus in Münster mit seinen Schaugiebeln, Speicherluken, Rundbögen ist untrennbar mit dem Westfälischen Frieden verbunden. Fünf Jahre dauerten die ersten Friedensverhandlungen in Europa. Am 24. Oktober 1648 unterzeichneten Gesandte europäischer Mächte im Rathaussaal die Friedensverträge. Der Friedenschluss beendete den 30jährigen Krieg in Deutschland.

Die Abtei in Boppard hat eine lange Geschichte. Als ein Benediktinerinnenkloster wurde sie um 1200 gegründet. Bis zur Säkularisierung im 18. Jahrhundert lebten Nonnen am Berg im mittelalterlichen Boppard. Nach ihrer Vertreibung war der barocke Bau französisches Soldatenquartier, Lazarett, nationalsozialistische Reichsfinanzschule, Kurort, Mädcheninternat, Domizil einer Bruderschaft. Seit Mitte der 1980er Jahre steht der Komplex leer und verfällt.

Wahren oder wandeln? Museen haben es definitiv leichter. Kunstobjekte landen im Depot, bereit, wieder hervorgeholt zu werden. Doch was passiert mit Kunst im urbanen Raum, mit Bauten wie ein Kloster? Für Ute Schneider, Leiterin des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, gehört Wandel zur Menschheitsgeschichte. Die Welt sei kein Museum. Daher wird die Frage immer wieder neu verhandelt werden müssen, welche Erbstücke bleiben und welche weichen.

Auch das Klima ist ein kulturelles Phänomen, zumindest im Kulturwisschenschaftlichen Institut Essen. Ein Forschungsschwerpunkt befasst sich mit dem Thema Klimakultur. Es geht um Klimawandel, die damit verbundenen Ängste und um Perspektiven.

Die Zeche Zollverein in Essen hat es vorgemacht: Aus Kohleminen wird (Welt-)Kulturerbe. Auch das Steinkohlebergwerk Anthrazit in Ibbenbüren erlebt einen Wandel, denn im Dezember 2018 ist hier Schicht im Schacht. Mit der Schließung stirbt eine vielschichtige Industriekultur, die unter Tage gewachsen ist. Einiges wird überdauern, vieles wird auf der Strecke bleiben: die Begriffe, die die Kumpel prägten, die Architektur, die ins Gebirge geschlagen wurde, das mit Grubenlichtern angestrahlte Bild der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute.

Die Seilfahrt in den Schacht ist eine Zeitreise ins Karbon. 300 Millionen Jahre durchfährt der Förderkorb in knapp zehn Minuten, bewegt sich durch einen der tiefsten Schächte in Europa, den Nordschacht der Zeche Anthrazit Ibbenbüren. Das Ziel sind die Flöze im Schafberg, einer Bruchscholle zwischen Teutoburger Wald und Osnabrück. Seit 450 Jahren suchen die Kumpel in Ibbenbüren, dem Berg das schwarze Gold zu entreißen. Bis Ende 2018, dann schließen die letzten beiden Steinkohlebergwerke in der Bundesrepublik, Prosper Haniel und Anthrazit Ibbenbüren. Ein politischer Beschluss. Zu teuer, zu mühsam, zu unökologisch.

Jörg Kraemer zieht einen Knauf aus Birnbaum. Schwarz gebeizt. Poliert. Eines der 45 Register der barocken Orgel. Über den Knäufen hängen Schilder aus Pergament. Mit Tinte beschrieben. Begriffe wie Quinta, Nachthorn. Flaute traverse, Oboe, Rankett. Der Kirchenmusiker nennt die Orgel seine alte Dame, die in ihren Klängen von ihrem langen Leben und ihrer Weisheit erzählt. "Doch darf man ihr nicht den eigenen Willen aufzwingen, das geht schief."

Stand: 02.01.2018, 13:42 Uhr