Dani Levy: "Es muss eine Lösung geben, alles andere hat keine Zukunft"

Dani Levy

Dani Levy: "Es muss eine Lösung geben, alles andere hat keine Zukunft"

"Geschichten aus Jerusalem" heißt das neue Filmprojekt von Dani Levy. Darin erzählt er vom Alltag im Zentrum des Nahost-Konflikts, den Israelis und Palästinenser endlich aus der Welt schaffen müssten, so der Regisseur im Interview.

WDR 5: In ihrem Film zeigen Sie uns, dass es neben dem die Nachrichten beherrschenden Konflikt in der Region in Jerusalem auch das alltägliche Leben gibt, die ganz normalen Menschen, die Glaube, Liebe, Hoffnung und Angst haben.

Levy: Das ist natürlich auch die Aufgabe von Filmen, ob das jetzt eine Art cineastischer Dokumentarfilm ist oder eben ein Spielfilm ist - sozusagen den politischen Raum auch im Privaten zu zeigen. Umgekehrt übrigens auch, also wie stark auch das Private in das Politische hineinspielt. Wir sehen zwar immer nur die prügelnden, schießenden Auseinandersetzungen in Gaza oder in Ost-Jerusalem oder wo auch immer. Aber es gibt natürlich einen ganz normalen Alltag, in dem Palästinenser, Israelis, Palästinenser außerhalb Israels in der Westbank, auf der anderen Seite der Mauer, einen Alltag miteinander haben.

 Blick über die Altstadt von Jerusalem mit dem Felsendom im Vordergrund

Zentrum dreier Weltreligionen und des Nahostkonflikts: Jerusalem

Es gibt natürlich auch die Menschen, die keinen Kontakt mit Israelis haben wollen. Das ist uns bei den Dreharbeiten auch ganz schön beschwerlich dazwischengekommen, dass es viele palästinensische Menschen gibt, die nicht mit Israelis gemeinsam irgendein Projekt verfolgen wollen. Weil sie sagen, das entspricht nicht unserer Haltung, dass wir sagen, wir sind Menschen zweiter Klasse. Wir leben hier nicht in einem Normalzustand. Wir leben nicht in einem normalen Alltag. Wir wollen den normalen Alltag eben auch nicht vorgaukeln für die deutschen Zuschauer oder die Menschen im Jüdischen Museum. Sondern wir wollen klarmachen, für uns ist das eine Ausnahmesituation, die wir durch Boykott beziehungsweise durch eine Verweigerung von Filmprojekten wie diesem gestalten. Deswegen war es für uns wirklich gar nicht einfach, palästinensische Schauspieler und Crew-Mitglieder für das Projekt zu gewinnen.

WDR 5: Ich habe gar nicht den Eindruck gehabt, dass alle, die daran beteiligt sind, Schauspieler sind - oder anders gesagt: Es ist nicht alles vorgeschrieben, nicht alles gescriptet, sondern es wird auch viel improvisiert.

Dani Levy (links) und Kameramann Filip Zumbrunn in Jerusalem

Dani Levy (links) mit seinem Kameramann Filip Zumbrunn in Jerusalem

Levy: Es gab gescriptete Drehbücher, da habe ich mir schon die Mühe gemacht. Und wir haben uns teilweise auch sehr an die Texte gehalten. Und es gab natürlich Spielräume. Sie haben das völlig richtig gesehen, nicht alle waren professionelle Schauspieler. Schlicht und einfach, weil wir sie teilweise nicht bekamen oder auch nicht bezahlen konnten, weil das kein gut ausgestattetes Filmprojekt war. Wir waren dann doch mit relativ wenig Geld unterwegs.

Jerusalem: Filmen auf des Messers Schneide

WDR 5 Scala - Hintergrund Kultur | 14.05.2018 | 14:20 Min.

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Diese Mischung aus Profis und Laien oder Menschen, die zwar vielleicht schon mal gespielt haben, aber eigentlich nur als Koch, Taxifahrer oder Krankenpfleger im normalen Leben überleben können und nur gelegentlich mal als Schauspieler arbeiten, die fand ich schon sehr aufregend. Die haben mich auch noch dichter an das Geschehen in Jerusalem geführt, weil ich das Gefühl hatte, keine Schauspieler zu haben, die in einer Blase leben, sondern ich hatte wirklich die echten Menschen aus dem Alltag, die in diesem Filmen mitgespielt haben. Das war für mich auch im Erleben des Zusammenseins der Israelis mit den Palästinensern eine wirklich aufregende Zeit.

Dani Levy

Ernste Themen in Komödien aufzuarbeiten, ist die Spezialität Dani Levys. Der in Berlin lebende jüdische Regisseur ("Alles auf Zucker", "Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler") hat nun vier 360°/VR-Kurzfilme in Jerusalem gedreht. "Glaube", "Liebe", "Hoffnung" und "Angst" heißen die einzelnen Episoden, die "Geschichten aus Jerusalem" aus israelischer und palästinensischer Perspektive erzählen. Bis zum 17. Juni werden sie im Rahmen der Ausstellung "Welcome to Jerusalem" im Jüdischen Museum Berlin präsentiert. Sie sind außerdem in den Virtual-Reality-Apps des ZDF und von Arte verfügbar.

WDR 5: Haben Sie eine Idee, nicht wie die Konflikte zu lösen sind, aber in welche Richtung es gehen könnte? Was bei Ihnen ja eine große Rolle spielt, sind die Waffen und die Angst, die allgegenwärtig sind. Sehen Sie irgendeine Möglichkeit aus dieser verfahrenen Situation herauszukommen?

Levy: Wenn ich sie wirklich hätte, würde ich sofort mit dem Filmen aufhören und in die Politik eintreten und diese Idee, die noch niemand hatte, propagieren. Nein, ich hab sie natürlich nicht. Das Frustrierende, wenn man dort ist, ist dass es schon so lange dauert und dass es so verbittert und tief in jeder Ritze steckt, die Unmöglichkeit einer Lösung. Und das ist wirklich so frustrierend, wenn man da ist. Man hat das Gefühl, es kann nicht wahr sein, Leute! Ihr lebt hier seit 70, 80, 100 Jahren, je nachdem wie man das sieht. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern begann ja schon Anfang des 20. Jahrhunderts unter den Engländern. Man denkt, ihr müsst es doch mal lösen, egal wie die Lösung aussieht.

Palästinische Proteste

Proteste und Unruhen gehören zum Alltag in Palästina und Israel

Die Lösung heißt: Es muss eine Lösung geben. Weil alles andere doch überhaupt keine Zukunft hat. Und ich werde dann auch so wütend auf die Politiker und die politischen Berater auf beiden Seiten, sowohl auf der palästinensischen wie auf der israelischen. Ich denke, verdammt nochmal, ihr werdet bezahlt dafür, ihr werdet teilweise sogar aus Deutschland bezahlt, aus der ganzen Welt bezahlt dafür – und zwar beide Seiten, um eine Lösung zu finden. Setzt euch hin und kämpft solange, bis ihr irgendeine Art von Lösung findet, weil es so wirklich nicht weiter geht.

Die Fragen stellte Jörg Biesler in Scala vom 14.05.2018. Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab und ist gekürzt. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt. Das Gespräch in voller Länge können Sie nach der Sendung als Podcast nachhören.

Stand: 11.05.2018, 14:23