Live hören
Jetzt läuft: The Fairytale of the Sun von Christos Fourkis
23.04 - 06.00 Uhr ARD Infonacht

Wien: Auf den Spuren eines Filmklassikers

Der Wienfluss in der Dämmerung

Wien: Auf den Spuren eines Filmklassikers

Am 2.9.1949 feierte der Schwarz-Weiß-Klassiker "Der dritte Mann" Weltpremiere. Die Kriminalgeschichte über skrupellosen Medikamentenschmuggel führt uns in das zerrissene und geteilte Nachkriegs-Wien.

Die Zither schreit auf! Das Riesenrad im Prater schaukelt bedrohlich! Mit diesen Bildern im Kopf begeben wir uns in die Unterwelt, spüren die Originalschauplätze des Agententhrillers "Der dritte Mann" auf. Dabei lassen wir uns von dem "Vienna walks and talks" - Tourguide Christopher Timmermann an die Hand nehmen. Er führt uns schnurstracks zu einer der Erholungsoasen der Stadt, um uns ausgerechnet im Wiener Stadtpark zur Jagd nach dem "dritten Mann" anzutreiben.

Die Historikerin Frau Dr. Brigitte Timmermann bringt uns im Hotel Sacher noch einmal die Story des Krimis nahe: Der amerikanische Unterhaltungsschriftsteller Holly Martins (Joseph Cotton) ist im besetzten Nachkriegs-Wien seinem verschollenen Freund Harry Lime (Orson Welles) auf der Spur. Eine gefährliche Suche, bei der er herausfindet, dass Lime ein Penicillinschieber ist. Einer, dessen Geschäfte die Anhänger des "dritten Mannes" sogar in die Wiener Kloake lotsen: Wiens berühmtester Kanaldeckel steht den Filmfans am Karlsplatz offen. Von dort aus ist es nur ein Katzensprung zum Dritten Mann Museum, wo uns Inhaber Gerhard Strassgschwandtner empfängt, um seine Originalexponate aus dem Kultfilm vorzustellen; darunter diverse Drehbücher und die Zither des Wiener Filmkomponisten Anton Karas.

Autorin: Ariane Jacobi

Redaktion: Heiko Hillebrand

Wien: Auf den Spuren eines Filmklassikers

WDR 5 Mit Neugier unterwegs - Das Reisemagazin 31.08.2019 24:21 Min. Verfügbar bis 29.08.2020 WDR 5 Von Ariane Jacobi

Download

Wien: "Der dritte Mann"

Im Filmklassiker "Der dritte Mann" spielt neben Orson Welles und Joseph Cotten auch die Stadt Wien eine Hauptrolle. Auf einer Tour ober- und unterirdisch der österreichischen Hauptstadt können Filmfans dem mysteriösen dritten Mann hinterherjagen.

Der Wienfluss in der Dämmerung

Der Agententhriller "Der dritte Mann" lebt zum großen Teil von der Jagd durch das Wiener Kanalsystem. In die Szenerie eingebunden ist auch dieser riesige Tunnel, bei dem Christopher Timmermann seine "Vienna walks and talks"-Führung startet. Vor 110 Jahren wurde der Wienfluss überdacht - um die Stadt vor Hochwasser zu schützen und um mehr Platz für den Verkehr zu bekommen.

Der Agententhriller "Der dritte Mann" lebt zum großen Teil von der Jagd durch das Wiener Kanalsystem. In die Szenerie eingebunden ist auch dieser riesige Tunnel, bei dem Christopher Timmermann seine "Vienna walks and talks"-Führung startet. Vor 110 Jahren wurde der Wienfluss überdacht - um die Stadt vor Hochwasser zu schützen und um mehr Platz für den Verkehr zu bekommen.

Das Hotel Sacher ist nach dem Krieg nicht öffentlich zugänglich, es dient als Hauptquartier des Britischen Geheimdienstes. Graham Greene, der das Drehbuch geschrieben hat, ist selbst beim britischen Geheimdienst gewesen und nach Wien geschickt worden, mit dem Auftrag ein Drehbuch zu schreiben. Und weil er beim Geheimdienst war, konnte er hier wohnen und in all den Akten nachlesen: über das verfälschte Penicillin, über den Schwarzmarkt in Wien: Kein Wunder, dass im Film auch sein Alter Ego, der Schriftsteller Holly Martins, im Hotel Sacher nächtigt.

In diesem prachtvollen Gebäude wohnt im Film der skrupellose Penicillinschieber Harry Lime. Das Palais finden Sie in der Innenstadt, am Josefsplatz 5, gegenüber dem Bibliothekstrakt der Hofburg.

In dieser alten Litfaßsäule befindet sich eine vom Rost zerfressene Tür, hinter der sich Wiens Unterwelt verbirgt. Orson Welles steigt hier bei den Dreharbeiten die Treppen hinunter. Insgesamt gibt es in Wien vier Litfaßsäulen mit Zugang zu den Kanälen.

Dies ist der wohl berühmteste Kanaldeckel Wiens, der Ihnen am Karlsplatz/Ecke Girardipark offensteht.
Es gibt 5000 Kanalkilometer unterhalb von Wien, davon sind ungefähr 1700 begehbar. Nicht nur "Der dritte Mann" ist hier unten gedreht worden, sondern auch Kommissar Rex, Cotton, James Bond. Der Musiker Falco hat dort ein Musikvideo gedreht, und vor 10 Jahren spielte hier  "Wiener Blut" mit Ottfried Fischer.

Der vermutlich wichtigste Drehort des Filmklassikers. Unter dem Torbogen hält sich Harry Lime versteckt. Hier kommt es auch zu der bekannten Szene mit der Katze, die um die Füße des Totgeglaubten herum schleicht, bis ihn sein Freund Holly Martins entdeckt.

Bei diesem Wiener Wahrzeichen im zweiten Bezirk, in Leopoldstadt, kommt es zu einer unheimlichen Begegnung von Holly Martins und Harry Lime in einer der Gondeln. Hier hält der Gangster zur Rechtfertigung seines Penicillinhandels die bekannte, von Welles improvisierte, Kuckucksuhr-Rede: "In Italien, in den 30 Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut, aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!" (Was für ein Filmfehler: Kuckucksuhren stammen aus dem Schwarzwald in Deutschland.)

Ein weiterer Schauplatz des Agententhrillers ist die tradtionelle Kirche der Donauschiffer: Maria am Gestade. Bei der Fluchtsequenz wird jedoch die Mölker Bastei, ein Teil der ehemaligen Stadtmauer, mit der Kirche, die nahe am Donaukanal liegt, kombiniert. Wie auch immer: Von Harry Lime fehlt plötzlich jede Spur.

Zwischen der rechten und linken Wienzeile liegt der Naschmarkt, den wir im Feature überqueren, um zum Dritte-Mann-Museum im vierten Bezirk zu gelangen. Der riesige Markt mit über 100 Ständen und Restaurants ist hier ausnahmsweise mal menschenleer.

Vor dem Privatmuseum erwartet unsere Autorin bereits Direktor Gerhard Strassgschwandtner, der sein Filmreich mit Gattin Karin Höfler zusammen aufgebaut hat. Der Österreicher lotst unsere Autorin sogleich in den ersten von ingesamt fünfzehn Räumen, und schon steht sie in einem Dritten-Mann-Labyrinth. Von allen Seiten prasseln Sounds aus dem britischen Klassiker auf sie ein.

Dicht an dicht hängen Fotos der Darsteller, Plakate aus aller Herren Länder und das Surren eines alten Filmprojektors locken uns in die Welt des Meisterwerks von 1949. 3200 Original Exponate umgeben den Besucher, darunter acht Drehbücher. 2005 hat das Museum seine Pforten geöffnet, seitdem hat sich die Sammlung stetig erweitert .

Herbert Halbik, der den kleinen Hansel spielte, schenkte dem Museum die Baskenmütze, die er im Film trug, außerdem einen Brief und das Flugticket zu den Dreharbeiten in London. Er ist der einzig noch lebende Darsteller des Klassikers. Natürlich ist er auch im Museum mit seinem markerschütternden Schrei  zu hören, mit dem er als kleiner Junge im Film Holly Martins fälschlicherweise als Mörder bezichtigte: "Mörder, Mörder: Papa, der war's".

Museumsgründer Strassgschwandtner sagt zur Rezeption des Films in Wien: "Die Leute haben ja die kaputte Stadt gerade langsam hinter sich gebracht. Direkt nach dem Krieg, das ist ja auch der Grund, warum der Film, vielleicht auch verständlicherweise, in Wien ein Flop war."

Der spätere Filmkomponist Anton Karas, dessen Zither in der Vitrine ruht, wird nach einem anstrengenden Drehtag von der Crew in einem Heurigen entdeckt. Später im Studio ist der Zithermusiker so grandios, dass er im Endeffekt den ganzen Film mit der Musik bestreitet. Dabei fühlt sich der aus einfachen Verhältnissen stammende Karas einem solch internationalen Projekt überhaupt nicht gewachsen, was auch mit einem kulturellen Missverständnis zu tun hat.

Die Zither-Expertin Cornelia Mayer lädt zum Konzert im Dritten-Mann-Museum ein. Sie macht uns mit dem Meisterwerk des Filmkomponisten der "Harry-Lime-Theme" vertraut.  Ein Abend, bei dem klar wird, wieso auch Anton Karas Arbeit dem Film zu Weltruf verhilft.

Stand: 31.08.2019, 10:04