Im Minivan durch Beirut

Blick aus der Frontscheibe eines Autos auf Häuser in Beirut

Im Minivan durch Beirut

Wer nach Beirut reist, kommt nicht vorbei am Spektakel, am furiosen Nachtleben mit seinen Bars und Diskotheken unter offenem Himmel. Dazu gehört aber auch die Zerstörung, die nach Ende des Bürgerkriegs seit 1990 immer noch an den Häusern und der Seele der Menschen haftet.

In Beirut sieht man auch heute Einschusslöcher an Häusern oder die riesige Ruine des Holiday Inn Hotels mitten im Zentrum der Stadt. Beirut ist eine emotionale Stadt, verletzlich und rau, vor allem aber vielseitig. Beirut, das sind viele Fragmente, viele Zugehörigkeiten: Sunniten, Schiiten, Maroniten, Orthodoxe, Arabisch, Englisch und Französisch. Beirut, das ist auch viel Gegensätzliches: Wolkenkratzer und alte Villas, Bankiers und Teppichmacher. Wir machen uns auf den Weg durch die Fragmente entlang der sogenannten Grünen Linie, der Grenze, die während der 15 Jahre des Bürgerkriegs den Osten und den Westen von Beirut teilte und damit Christen von Muslimen trennte. Die Grenze gibt es nicht mehr, doch entlang ihrer Linie fährt heute der Van Nummer 4. Ein Vierzehnsitzer, der die nördliche Stadtmitte mit den südlichen Vororten und luxuriöse Appartements mit Antiquitätenhändlern verbindet. Die Fahrt endet in dem größten Park der Stadt, aber vorher nochmal tief Atmen, denn jetzt wird es laut und staubig. Los geht die Tour auf der Hamra, einer Straße zwischen hupenden Taxis und knatternden Van-Motoren.

Autorin: Julia Neumann

Redaktion: Jessica Eisermann

Im Minivan durch Beirut

Von Julia Neumann

Die libanesische Hauptstadt Beirut vereint Gegensätze, zwischen Wolkenkratzern und verzierten Häusern. Bankangestellte und Schuhputzer sind im gleichen Minivan unterwegs. Die Vans ersetzen Buslinien und verbinden Facetten der Stadt.

Auf steinigen Felsen ist die Meerpromenade von Beirut

Baugrundstücke, der Strand und sogar der öffentliche Verkehr – fast alles ist in Beirut privatisiert. Es gibt keinen öffentlichen Nahverkehr, dafür informelle Buslinien und Minivans. Sie fahren auf festen Routen, hupend auf der Suche nach Fahrgästen, von morgens bis Mitternacht durch die Stadt.

Baugrundstücke, der Strand und sogar der öffentliche Verkehr – fast alles ist in Beirut privatisiert. Es gibt keinen öffentlichen Nahverkehr, dafür informelle Buslinien und Minivans. Sie fahren auf festen Routen, hupend auf der Suche nach Fahrgästen, von morgens bis Mitternacht durch die Stadt.

Beirut, die Hauptstadt des Libanons, vereint zahlreiche Gegensätze. Der auffälligste ist wohl das Nebeneinander von grauen Wolkenkratzern und bunten libanesischen Wohnhäusern – die mit ihren angemalten Fensterläden und metallverzierten Eingängen von vergangenen Tagen erzählen.

Durch den Krieg im Libanon (1975-1990) und die Scharfschützen, die sich aus den Gebäuden gegenseitig beschossen, wurden viele Gebäude zerstört. Das Holiday Inn war eines der strategischen Gebäude zwischen den Fronten. Ein Jahr lang war es in Betrieb, im April 1975 erklommen Milizen das Gebäude. Das Gerippe des Holiday Inn steht im Zentrum der Stadt, sichtbar von der sogenannten Corniche, der Promenade am Meer.

Statt Sandstrand sind an der Küste Beiruts steile Felsen, statt Liegestühlen gibt es Cafés mit Meerblick.

Der Wiederaufbau Beiruts nach dem Ende des Bürgerkriegs in den 1990er Jahren folgte den neoliberalen Ideen des damaligen Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri. Beirut sollte Hauptstadt mit Weltcharakter werden.

Rafiq al-Hariri gründete das Immobilienunternehmen "Solidere" (Société Libanaise pour le veloppement et la Reconstruction de Beyrouth), kaufte systematisch Grundstücke auf und startete den Bau eines modernen Zentrums. Nach seiner Amtszeit wurde Rafiq al-Hariri im Jahr 2005 bei einem Bombenattentat im Zentrum Beiruts getötet. Mit ihm starben 22 weitere Menschen, es gab über 100 Verletzte.

Der neoliberale Kapitalismus ist in der neu erbauten Innenstadt gut sichtbar. Glas und Beton ragen in die Höhe, prägen die Skyline Beiruts.

Wie dieser 116 Meter hohe Wohnturm, gebaut gegenüber der Bauruine des Holiday Inns. Eine Konstruktion der Schweizer Architekten, Herzog & de Meuron – die auch die Elbphilharmonie entworfen haben.

Beginnt man einen Spaziergang durch Beirut in dem Stadtteil Achrafieh, fällt der moderne Stil vieler Fassaden auf. Er stammt aus den 1940er Jahren, die Zeit nach der Unabhängigkeit von Frankreich.

Eine beliebte Busstrecke verläuft entlang der Küste, an deren gepflasterten Gehsteig Jogger und Fahrradfahrer den Bus oft überholen. Hier hält der Bus neben der Moschee Aein Al Mrayseh. 18 Religionsgemeinschaften gibt es im Libanon, darunter maronitische Christen, Orthodoxe, Schiiten, Sunniten und Druzen.

Der Bus fährt auch am Hauptsitz der "Electricite Du Liban" vorbei. Das Elektrizitätswerk ist eine staatliche Institution. 1964 gegründet, versorgt es heute 90 Prozent der Haushalte mit Strom. Doch die Energie reicht nicht aus. Täglich gibt es nach einem festen Plan drei Stunden lang einen geregelten Stromausfall. Generatoren überbrücken die Zeit des systematischen Stromsparens, ihr Surren hört man in der ganzen Stadt.

Nicht weit entfernt interpretierte der Architekt Jean-Marc Bonfils libanesische Architektur und Formen in diesem Gebäude neu. In der Nähe des Wohnhauses, in dem sich auch eine Kunstgalerie befindet, war früher ein öffentlicher Garten. Da dieser dem Gebäude des Elektrizitätswerkes weichen musste, brachte der Architekt einen vertikalen Garten an. Auch das ist Beirut: Menschen, die aus eigener Initiative die Stadt lebenswerter machen.

Im Minivan durch Beirut

WDR 5 Neugier genügt - Freifläche | 21.04.2018 | 14:44 Min.

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Stand: 21.04.2018, 10:05