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El Hierro – kleinste der kanarischen Inseln

Dorf Guinea

El Hierro – kleinste der kanarischen Inseln

Im zweiten Jahrhundert definierte der griechische Mathematiker Ptolemäus den Meridian. Dessen Nullpunkt verlief durch die Insel El Hierro, die westlichste und kleinste der Kanarischen Inseln im Atlantischen Ozean.

Erst im 19. Jahrhundert, lange nachdem Christopher Kolumbus den amerikanischen Kontinent entdeckt hatte, wurde der Nullmeridian nach Greenwich in England verlegt. Die gesamte Insel ist von Vulkanbergen geprägt; sie steht unter Naturschutz, im Jahr 2000 wurde sie zum Biosphärenreservat, 2014 zum Geopark der UNESCO ernannt. Im Herbst und Winter ist das Klima frühlingshaft warm und feucht, im Sommer trocken. Auf der Insel gibt es besondere Pflanzen und Tiere, die nur dort vorkommen. Außerdem interessant: Viele in die erstarrte Lava geritzte Schriftzeichen und Höhlenbehausungen der Ureinwohner sind erhalten geblieben.

Auch die europäischen Invasoren, die die Insel im 15. Jahrhundert eroberten, haben Spuren hinterlassen, die die Insel prägen. Die Anreise in dieses Naturparadies ist bis heute zeitaufwendig, also nur etwas für Individualisten: Von Teneriffa oder Gran Canaria mit dem Schiff, von Teneriffa aus fliegt auch die innerkanarische Airline El Hierro an. Es gibt nur eine Handvoll kleiner Hotels, aber viele reizvolle Privatunterkünfte für Selbstversorger.

Autorin: Dorothea Breit

Redaktion: Heiko Hillebrand

El Hierro - archaische und geheimnisvolle Inselwelt

Die Kanarische Insel El Hierro ist ein kleines Refugium der Natur am Rand Europas mitten im Atlantik. Wild und archaisch, ein Paradies für Ruhesuchende, Wanderer und Taucher, Natur- und Kulturliebende, Wetter- und Wolkenforscherinnen.

Hochebene bei San Anrés

Auf den einst von den europäischen Eroberern der Insel kahlgeschlagenen Berghängen im Norden der Insel wachsen heute Wälder aus Baumheide, Gagel- und Lorbeerbäumen. Die Gagelbäume heißen botanisch Myrica faya, sie ähneln dem hiesigen Lorbeerstrauch, ihre Blätter sind jedoch kleiner und eignen sich nicht als Gewürz. Die frühen Inselbewohner verehrten den Baum als Wasserspender, an ihm tropft die Feuchtigkeit der Passatwolken gut ab. 

Auf den einst von den europäischen Eroberern der Insel kahlgeschlagenen Berghängen im Norden der Insel wachsen heute Wälder aus Baumheide, Gagel- und Lorbeerbäumen. Die Gagelbäume heißen botanisch Myrica faya, sie ähneln dem hiesigen Lorbeerstrauch, ihre Blätter sind jedoch kleiner und eignen sich nicht als Gewürz. Die frühen Inselbewohner verehrten den Baum als Wasserspender, an ihm tropft die Feuchtigkeit der Passatwolken gut ab. 

Blick vom Aussichtspunkt Mirador de la Peña Richtung Süden auf die fruchtbare Küstenebene El Golfo im Westen der Insel. Weinreben, Aprikosen, Pfirsiche, Avocados, Bananen, Papayas, Ananas, Mangos und Kaktusfeigen sowie Gemüse werden hier angebaut. Landwirtschaft, Viehzucht und Fischerei bilden die Haupteinnahmequellen der Inselwirtschaft; hinzu kommt ein eher sanfter Tourismus, der – so hoffen es viele – auch in Zukunft umweltfreundlich, ländlich und individuell bleibt.

Der kanarische Künstler César Manrique baute das Besucherzentrum Mirador de la Peña auf die Lavafelsen der unzugänglichen Steilküste im Nordwesten der Insel. Sonne, Wolken und Regen wechseln auf El Hierro so rasch wie die Landschaftsformen: Vulkangebirge, trockene Lava- und Steinlandschaften, dichte Kiefern- und Lorbeerwälder im Inselinneren, subtropische Vegetation in fruchtbaren Tälern.

In dem Dorf Guinea, einem von insgesamt drei alten Dörfern der Insel, eröffnete 1996 das Ecomuseum und daneben eine Eidechsenzucht- und Forschungsstation. Ein Dutzend Häuser sind in Guinea erhalten samt alter Möbel und Arbeitsgeräte, anhand derer die Besucher über 400 Jahre bäuerliches Wirtschaften nacherleben können.

Die frühen Siedler bauten ihre Häuser aus den Lavasteinen, die sie an Ort und Stelle fanden. Sie schützen vor Hitze ebenso wie vor Kälte. Die Bauern lebten in der fruchtbaren Küstenebene zur Aussaat im Januar und dann wieder im Sommer zur Ernte von Obst und Gemüse. Die Einfachheit mag manche europäische Wohlstandsaussteiger im 20. Jahrhundert auf die Insel gelockt haben. Für die frühen Bauern war das Leben sicherlich weniger romantisch, sondern eher beschwerlich.

Im Schauterrarium des Eidechsenzentrums können Besucher die scheuen einheimischen Rieseneidechsen beobachten. Die "Lagarto Gigante de El Hierro" wird bis zu 70 Zentimeter lang. Man hielt sie bereits für ausgestorben, als 1975 eine ähnliche gefunden wurde. Seither wird sie gezüchtet und wieder angesiedelt. Auf El Hierro leben nur Kleintiere, Reptilien, Kriech- und Schleichtiere, viele Eidechsen und natürlich Vögel.

Durch den Faro de la Orchilla, den Leuchtturm auf dem südwestlichsten Kap der Insel, verlief einst der Nullmeridian. Diese Region der Insel ist so gut wie unbewohnt. Insgesamt leben an die 9.000 bis 10.000 Menschen plus Feriengäste auf El Hierro, der kleinsten der Kanaren mit einer Fläche von nur 268 Quadratkilometern. Mehr als die Hälfte der Inselbevölkerung lebt in der Inselhauptstadt Valverde.

El Sabinar – der vom Wind in die Knie gezwungene Wacholderbaum – zählt zu den Wahrzeichen der Insel. Eine stattliche Anzahl dieser hunderte Jahre alten Bäume steht auf der nach dem Baum benannten Hochebene der Westküste.

Die Ureinwohner, die Bimbache, ritzten Zeichen in die erstarrten Lavaströme, die jenen berberischer Völker im Maghreb ähnlich sind. Vom Besucherzentrum El Julan aus können Wanderer auf Führungen die archäologischen Fundstätten im Westen der Insel besichtigen. Die gesamte Wanderung ist hin und zurück ungefähr 16 Kilometer lang.

Es handelt sich um geometrische Zeichen, die als libysch-berberisch identifiziert werden können. Seltener sind Tierdarstellungen, oder Anthropomorphe, in denen menschliche Figuren, eine Hand oder Gesichter zu erkennen sind. Ein Rund als Kopf, ein größerer unförmiger Kreis als Körper, zwei einander überschneidende Kreise als eine Art eheliche Verbindung zwischen Mann und Frau. Man muss ein wenig Übung haben, um die Zeichen lesen und interpretieren zu können.

"Solo plastico y corcho de vino", sagt Reyo Padrone und man glaubt es kaum, wenn er anfängt zu spielen, dass er seine Flöte aus einem einfachen Plastikrohr und einem Weinkorken gefertigt hat. Reyko ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Besucherzentrums El Julan und begleitet Wander*innen zu den archäologischen Fundstätten der Ureinwohner der Insel.

Im Feuchtwald von Fayal herrscht eine fast mystische Atmosphäre. Man meint Feen und Elfen durchs Gestrüpp huschen zu sehen, Schneewittchen und den sieben Zwergen zu begegnen. Baumheide und Gagelbäume, die an die 200 Jahre alt sind, wachsen hier, Moose und Farne, Reste der ehemaligen Urwälder der Insel. Alles bleibt so, wie es wächst oder bei einem Sturm abbricht. Nur die Wege werden frei gehalten.

Erstarrte Lavaströme bedecken die Berghänge von den Gipfeln bis hinunter ins Meer. Die geologische Entwicklung begann vor etwa 100 Millionen Jahren, der Meeresboden wölbte sich, die Erdkruste brach auf, Magma schoss aus dem Erdinneren. El Hierro hat die höchste Vulkandichte der Kanaren. Mehr als 500 Kegel liegen offen da, deren Höhlen und Röhren längst noch nicht alle erforscht sind. Der letzte Vulkanausbruch der Insel, begleitet von Erdbeben, war 1793.

Das Fischerdorf La Restinga am südlichsten Zipfel der Insel ist Zentrum des Fischereiwesens von El Hierro. Von hier aus starten auch Boote zu Tauchausflügen in das Meeresschutzgebiet "Mar de la Calma" und zu Höhlenerkundungen.

Von außen ist nicht zu sehen, wie enorm groß und verzweigt die Teufelshöhle ist. Früher war sie auch vom Land aus zugänglich, doch seit dem unterseeischen Erdbeben 2011 bei La Restinga gibt es den Weg nicht mehr.

El Hierro - kleinste, archaischste der kanarischen Inseln

WDR 5 Mit Neugier unterwegs - Das Reisemagazin 24.03.2019 24:43 Min. WDR 5 Von Dorothea Breit

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Stand: 24.03.2019, 16:05