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Eine 2-Euro-Münze im Lichteinfall

Abstiegsangst führt zu Sozialneid

Stand: 14.06.2022, 11:20 Uhr

Wer vermögend ist, kommt besser durch Krisen wie Pandemie oder Inflation. Gerade die Mittelschicht leidet jetzt unter den steigenden Preisen. Doch vor Ferienbeginn fragt sich Stephan Karkowsky, ob der Wohlstand, der über Jahre so viel ermöglichte, nicht auf tönernen Füßen stand.

Von Stephan Karkowsky

Die Urlaubszeit legt gerade unsere sozialen Abstiegsängste frei. Weil alle jammern: Ihr Urlaub sei kaum noch zu bezahlen! Wenn man überhaupt was kriegt an Nord- und Ostsee! Das böse Wort vom Wohlstandsverlust macht die Runde, und es stimmt ja auch: Wir Normalsterblichen werden durch die Rekordinflation ein Stück weit ärmer.

Ein luxuriöser Lebensstil

Aber wir sollten auch nicht den Fehler machen und Wohlstand mit Konsumfähigkeit verwechseln.

Selbst die untere Mittelschicht hat sich dran gewöhnt, mit kleinem Einkommen auf großem Fuß zu leben. Ist Ihnen das nie komisch vorgekommen, dass Urlaub jahrzehntelang immer günstiger wurde? Für Neun Euro nach London! Für 280 nach Bangkok, all inclusive an die Strände von Dom Rep und Türkei für nen Appel und 'n Ei?

Das Modell Deutschland hieß jahrzehntelang "Geiz ist geil". Klar: Das Smartphone darf ruhig ein halbes Monatseinkommen kosten, für Lebensmittel aber gibt der Durchschnittsdeutsche im Schnitt nur 10 Prozent seines Lohns aus. Den Rest sparen wir für die AIDA.

Wir finanzieren der Reichen Reichtum

Was früher Luxus war – Kreuzfahrten, Flugreisen, der Pool im Garten – all das ist plötzlich erschwinglich. Zumindest auf Pump, Sparen lohnt ja schon lange nicht mehr. Jetzt steigen die Zinsen, die Börsenkurse fallen, die Altersvorsorge wankt und Wohlstandsangst macht sich breit. Wenn wir dann hören: Die Reichen werden immer reicher, kommt noch Sozialneid hinzu. Dabei sind wir es, die die Reichen immer reicher gemacht haben. Mit unserem Konsum.

Oder glauben Sie, von unserem Urlaubsgeld bliebe was hängen bei der Flugbegleiterin von Ryan Air, beim freundlichen Kellner in Antalya oder dem Taxifahrer am Flughafen Düsseldorf? Die sind allesamt unterbezahlt. Wären sie es nicht, unsere fröhliche Konsumwelt wäre viel früher kollabiert.

Wer Konsumfähigkeit für Wohlstand hält, muss die Folgen bedenken: Wir erkaufen uns ein schönes Leben und vergrößern damit selbst die Kluft zwischen Arm und Reich. Shopping als Opium fürs Volk: Solange Auto, Grill und Strandburg billig zu haben sind, sind uns ein paar Milliardäre mehr in Deutschland egal.

Abstiegsangst führt zu Sozialneid

WDR 5 Politikum - Kommentar 14.06.2022 02:11 Min. Verfügbar bis 14.06.2023 WDR 5 Von Stephan Karkowsky


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Redaktion: Isabel Reth