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Das verschämte Jahr 2019

Teilnehmer einer Demonstration von fridays for future ziehen mit Transparenten durch die Kölner Innenstadt

Das verschämte Jahr 2019

Von Mathias Tretter

Auf das ausgehende Jahr zurückzuschauen, findet Kabarettist Mathias Tretter recht kompliziert. Schließlich waren wir 2019 vor allem mit der Zukunft beschäftigt: mit der kommenden Klimakatastrophe und damit, uns dafür zu schämen.

Die Weihnachtszeit ist vorbei, und damit auch das wundervolle Spenden. Geld statt Aufmerksamkeit – ach, wenn es nur immer so sein könnte! Aber jetzt wird das Portemonnaie wieder weggesteckt und stattdessen gilt wieder die Pflicht zur Empathie. Es bleibt einem heute ja nichts mehr übrig, als für jeden etwas übrig zu haben. Man nennt das „Diversität“. Alle müssen gesehen werden, ob sie wollen oder nicht. Daran kommt natürlich auch diese Kolumne nicht vorbei. Deshalb bemühe ich mich, hier jede Minderheit in gleichen Abständen gleichermaßen zu beleidigen. Dass das allzu oft nicht gelingt, hat vor allem damit zu tun, dass ich angesichts der ständig wachsenden Zahl einmaliger Lebensformen mitunter den Überblick verliere. Auf jeden Ostdeutschen, den man verspottet, kommen zwei Asexuelle und ein veganer Schiit, die sich übersehen fühlen – man kommt einfach nicht mehr hinterher!

Die Stunde der ewig Gestrigen

Eine Gruppe allerdings habe ich über die Zeit so herzlos vernachlässigt, dass ich ihr nun als kleine Wiedergutmachung diesen ganzen Beitrag widmen möchte, nämlich die ewig Gestrigen. Sie sind die Minderheit der Stunde, denn in diesen Tagen steht uns bekanntlich ein Jahreswechsel bevor. Und kein Monat, noch nicht mal im zoroastrischen Kalender, in China oder in der Menses, kein anderer Monat drängt so sehr zur Rückwärtsgewandtheit wie der Dezember: „Jahresrückblick“ heißt die Überschrift, unter der in allen Medien einem zügellosen Vergangenheitskult gefrönt wird. Ob es das Lodern von Notre Dame ist oder das von Peter Handke – halb Deutschland starrt noch mal auf 2019 wie auf einen Zimmerbrand. Selbst der WDR, der progressivste öffentlich-rechtliche Sender in ganz Nordrhein-Westfalen, wollte mir an dieser Stelle eine kleine Retrospektive über dieses Jahr abnötigen.

Dabei gab es wahrscheinlich in der ganzen Weltgeschichte kein einziges Annum, das so fanatisch der Zukunft verfallen war wie dieses. Einst musste man mit dem leben, was man aus der Vergangenheit mitbrachte – oder wie es der niemals schweigende Volksmund ausdrückt: „Jeder hat sein Päckchen zu tragen.“

Von der Flug- bis zur Feuerwerksscham

Seit 2019 allerdings kommen die meisten Päckchen aus den fernen Tagen des Übermorgen. Völlig unbekannte Menschen vom Ende dieses Jahrhunderts schicken uns Botschaften, wir sollten Auto, Flug- und Fleischzeug stehen lassen und auf Fahrrad und Sellerie umsteigen. Scham in allen Varianten war das Gefühl des Jahres, von der Luftverkehrs- bis zur Geschenkverpackungs- und Feuerwerksscham – wir Ignoranten wissen noch nicht annähernd, wofür man sich alles schämen kann – und zwar vor den Ungeborenen, die einst in unserem ökologischen Fußabdruck biwakieren müssen.

Und wo ein Gefühl alles beherrscht, ist sein Gegenteil nie weit. Während die einen ihre Zerknirschung wegen des Klimas spazieren führen, kennt bei den anderen die Unverschämtheit ihrer digitalen Euphorie keine Grenze: Zuckerberg, Bezos und Komplizen ist kein Mittel zu obszön auf dem Weg vom Homo sapiens zum Cyborg. Wo es ihnen um unsere totale Vermessung geht, geht es Greta Thunberg um unsere totale Vermessenheit. So oder so – die Menschheit schafft sich ab. Warum dabei das iPhone beklatscht und ein aparter alter Mercedes verdammt wird – es bleibt eines der Rätsel von 2019. Und ich hab’ den Verdacht, auch darüber hinaus.   

Das verschämte Jahr 2019

WDR 5 Politikum - Satire 30.12.2019 03:15 Min. Verfügbar bis 29.12.2020 WDR 5 Von Mathias Tretter

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Redaktion: Morten Kansteiner