Spanische Corona-Verhältnisse

Pedro Sanchez, Ministerpräsident von Spanien, trifft im Parlament ein

Spanische Corona-Verhältnisse

Von Marc Dugge

Spanien ist ein politisch gespaltenes Land, die Pandemie wird mittlerweile für politische Zwecke missbraucht. In Deutschland wissen wir kaum zu schätzen, wie konsensorientiert die deutsche Politik im Vergleich dazu agiert, meint Marc Dugge.

Mehr Konsens, weniger Konfrontation: Spanien und die Coronakrise

 Vergangene Woche habe ich mal wieder die ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ gesehen. Bodo Ramelow war dort zu Gast, der Ministerpräsident von Thüringen – zusammen mit seiner Amtskollegin Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern. Zwei Länderchefs aus zwei Parteien, die über den besten Weg durch die Corona-Krise diskutieren. Zusammen mit einem Virologen und einer Ärztin – vor den Augen der Fernseherzuschauer. In Deutschland normal, in Spanien - leider - undenkbar.

Ein neidischer Blick auf die Heimat

In der Coronakrise habe ich erleben müssen, wie sich hier Politiker der unterschiedlichen Parteien im Streit um den richtigen Kurs angiften. Wie sie sich sogar vorwerfen, für den Tod von Landsleuten verantwortlich zu sein. Das politische Klima ist in Spanien derzeit kaum erträglich. Das sind Momente, in denen ich mit Neid auf die Debatten in der Heimat schaue.

Natürlich haben auch in Deutschland Politiker unterschiedliche Positionen in der Coronakrise. Selbst innerhalb der Fraktionen wird offen über den richtigen Kurs gestritten: Man denke nur an die Diskussionen zwischen dem bayerischen Corona-Hardliner Markus Söder und dem eher sanften Armin Laschet aus Nordrhein-Westfalen.

Doch nur wenige Deutsche dürften den Eindruck haben, dass ihr Land komplett planlos durch die Krise stolpert – Coronaleugner und AFD-Politiker mal ausgenommen. Die Politiker halten sich vielmehr weitgehend damit zurück, die Krise für parteipolitische Zwecke auszuschlachten. Ich finde: Ein gutes Zeichen für eine gereifte Demokratie und ein verantwortungsbewusstes politisches Führungspersonal.

In Spanien wird gezankt 

Und hier in Spanien? Hier befindet sich etwa die konservative Regionalregierung von Madrid in einem offenen Konflikt mit der linken spanischen Regierung. Madrid hat sich gegen Ausgangsbeschränkungen in der Stadt lange entschieden gewehrt, der spanische Gesundheitsminister forderte aber genau das. Er setzte eine Pressekonferenz zur gleichen Uhrzeit an wie sein Madrider Amtskollege – mit dem klaren Ziel, den anderen zu übertönen. Mit Erfolg: Madrid wurde abgeriegelt.

 In der Krisenkommunikation heißt ein Grundsatz: Die Führung muss mit einer Stimme sprechen. In Spanien wird dagegen gezankt. Offen, laut und häufig unter der Gürtellinie. Kein Wunder, dass viele spanische Freunde und Kollegen nicht das Gefühl haben, bei ihren Regierenden in guten Händen zu sein.

Spanien braucht mehr überparteilichen Konsens

Die neue, rechtsextreme Partei Vox versucht, diesen Umstand auszunutzen. Sie hat gerade ein Misstrauensvotum gegen die spanische Regierung angestrengt, ist damit aber heute gescheitert. Die etablierten Parteien sind bei allen Differenzen - etwas - zusammengerückt. Das ist die gute Nachricht des Tages.

 Spanien bräuchte in diesen Tagen dringend weniger Konfrontation und mehr überparteilichen Konsens. Die wirtschaftliche Krise, die auf dieses Land zukommt, wird gigantisch werden. Und den Deutschen täte vielleicht ein Realitätsabgleich mit Ländern wie Spanien mal ganz gut: Nicht alles läuft bei uns so schlecht.

Marc Dugge, Madrid  

Spanien in der Corona-Krise

WDR 5 Politikum - Kommentar 22.10.2020 02:21 Min. Verfügbar bis 22.10.2021 WDR 5 Von Marc Dugge


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Redaktion: Kerstin Steinbrecher

Stand: 22.10.2020, 16:10