Rettungssanitäter und Karneval

Ein Rettungssanitäter bereitet sich auf seinen Einsatz vor

Rettungssanitäter und Karneval

Von Klahn, Andrej

Verroht unsere Gesellschaft? Etwa ablesbar an Meldungen über Menschen, die Rettungskräfte angreifen? Andrej Klahn hat Sanitäter gefragt, die sich für den Karneval rüsten.

"Ja, hier haben wir in einem solchen Einsatzfahrzeug alles drin, um unsere Patienten optimal versorgen zu können. Da ist der technische Fortschritt in der Medizin sehr rasant, muss man sagen."

Das ist Oliver Kowa, Rettungsdienstleiter beim Deutschen Roten Kreuz in Düsseldorf. Und der klettert jetzt voran in die rollende Intensivstation. In den kommenden Tagen ist das Team vom DRK ja wieder im Dauereinsatz. Karnevalszeit. Und wir wollen vorher mal gucken, was für den Notfall alles an Bord sein sollte. Defibrillator, Spritzenpumpen, piepsende Monitore. Ach ja, da fehlt doch noch was:

"In jedem unserer Fahrzeuge sind Einsatzhelme vorhanden, die haben natürlich ne vielfache Schutzwirkung, wo irgendwelche Einstürze sind oder eben auch ein Aggressionspotenzial ist, schützen die Helme meinen Kopf."

Die Helme sollen die Retter vor den Patienten schützen

Bitte wie? Die Helme sollen die Retter vor den Patienten schützen? Mal angenommen, ich liege irgendwo auf der Straße, weil ich nicht mehr aufrecht stehen kann oder sogar schwer verletzt bin – dann bin ich doch froh, wenn mir ein Sanitäter zur Hilfe kommt. Oder etwa nicht?

"Mich hat ein Patient geschlagen." Sagt Rettungsassistentin Daria Dröge. "Mir ist im Endeffekt nicht viel passiert, aber trotzdem ist der Patient doch sehr aggressiv geworden, weil es nicht geklappt hat, den Patienten vorher ein bisschen von einem abzuwenden, den Patienten runterzureden."

Wenn Deeskalation nicht hilft, heißt es: Rette sich wer kann

Runterreden, die Betroffenen beruhigen, so lautet die Strategie, die das Team vom DRK für solche Fälle im Deeskalationstraining gelernt hat. Wenn das nicht hilft, heißt es: Rette sich, wer kann.

"Die zweite Stufe wäre dann, dass man einfach die Flucht antritt. Erst die dritte, das wäre dann die schlimmste Stufe, dass ich tatsächlich körperlich angegriffen werde, da schulen wir dann unsere Mitarbeiter in der Selbstverteidigung."

Zurzeit wird viel diskutiert über die Gewalt, mit der vor allem Sanitäter und Feuerwehrleute konfrontiert sind. Da ist von übergriffigen Patienten die Rede, von pöbelnde Passanten oder Smartphone-Gaffern, die im Weg stehen. Irgendwie drängt sich der Eindruck auf, dass es draußen immer aggressiver zugeht. Und das passt ja zur allgegenwärtigen Klage über den gefühlten gesellschaftlichen Werteverlust und die Verrohung der Sitten. Doch so einfach ist es nicht, sagt Oliver Kowa:

"Dass das jetzt grundsätzlich schlimmer geworden ist, mag vielleicht höchstens damit zusammenhängen, dass die Einsatzzahlen insgesamt zugenommen haben, nicht jedoch die Übergrifflichkeiten."

Mehr Einsätze, deshalb mehr Übergriffe

Mehr Einsätze, deshalb mehr Übergriffe. Das klingt logisch. Und überhaupt sind die Leute heute nicht gewalttätiger als gestern, sagt Kowa, der seit knapp zwanzig Jahren für das DRK im Einsatz ist:

"Also man muss tatsächlich sagen: Der Betrunkene um die Jahrtausendwende, der hat sich jetzt nicht verändert zum Jahr 2018. Man muss einfach mit dieser speziellen Patientenklientel umzugehen wissen, höflich bleiben. Aber man muss natürlich darüber nachdenken, wo habe ich meine Fluchtwege und wie kann ich mich vor körperlichen Angriffen schützen."

Gewalt gegen Rettungskräfte ist also nicht neu. Darüber reden müssen wir trotzdem. Immer wieder und nicht nur zur Karnevalszeit. So lange, bis Retter nicht mehr Gefahr laufen, bei ihren Einsätzen zu Opfern zu werden.

Rettungssanitäter und Karneval

WDR 5 Politikum - Meinungsreportage | 05.02.2018 | 03:23 Min.

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Redaktion: Gerda Leesing

Stand: 05.02.2018, 14:49