Trump-Wähler*innen verprellt

Während der 59. Inauguration von Joe Biden trägt die US-amerikanische Dichterin Amanda Gorman ein Gedicht dem Kapitol in Washington vor. Sie steht vor einem Rednerpult, neben ihr sitzen mit Abstand Präsident Joe Biden und Vize-Präsidentin Kamala Harris

Trump-Wähler*innen verprellt

Von Gregor Peter Schmitz

Hat "Netflix" im Auftrag von Barack Obama die Vereidigung von Joe Biden inszeniert, fragt sich Gregor Peter Schmitz. Mit der progressiven kulturellen Tradition des letzten Demokraten im Weißen Haus habe Biden trotz Versöhnungsrhetorik die Trump-Wähler*innen provoziert.

Ja, es war eine wunderschöne Feier zur Amtseinführung. Ja, es war wunderschön, Lady Gaga und Jennifer Lopez singen zu hören. Es war bewegend, eine junge Dichterin sprechen zu hören – und es war befreiend, bei dieser feierlichen Gelegenheit sogar wieder Lachen zu hören, nach vier Jahren, in denen das Schrecken, das Entsetzen solche Auftritte prägte.

Perfekt inszeniert

Die ganze Amtseinführung von Joe Biden als 46. US-Präsident wirkte so perfekt inszeniert, als sei das Drehbuch von „Netflix“ entworfen worden – und als habe die Regie entschieden, direkt in die Obama-Jahre zurück zu beamen. Die Frage ist nur: Hilft das bei dem großen Anliegen, das sich Biden setzt, der Versöhnung Amerikas? Denn zu der hat Barack Obama, bei allem Glanz, nicht beigetragen, eher im Gegenteil.

Man kann Biden diesen Blick zurück kaum verübeln, schließlich stand er schon Obama zur Seite – und er hat mit Kamala Harris als erster Frau im Vize-Amt eine Partnerin an seiner Seite, die an diese progressive Tradition nahtlos anknüpft. Auch Bidens Rhetorik klang nach Versöhnung, nach jenem Traum von den  „Vereinigten Staaten von Amerika“, die Obama einst versprach. Mit einer ganzen Reihe von Präsidialerlassen versuchte Biden ja schon in seinen ersten Amtsstunden, die schlimmsten Exzesse der Trump-Jahre zurück zu drehen.

Provokation der Trump-Wähler*innen?

Doch fragt man sich, wie ernst er es mit diesem Willen zur Versöhnung meint. Gewiss, man muss sich nichts vormachen – von den Republikanern im Kongress kann Biden wenig Entgegenkommen erwarten, diese Erfahrung musste schon Obama machen. Doch es geht ja um jene immerhin rund 74 Millionen Menschen, die trotz allem im vorigen November noch einmal für Donald Trump gestimmt haben. Sie haben diesen einst gewählt, auch weil sie die Modernität, die globalisierte Aufgeschlossenheit der Obama-Jahre nicht anzog – sondern sie sich abgehängt fühlten und fühlen. Klar, man muss diesen Leuten nicht nachlaufen. Aber muss man sie deswegen gleich zu Anfang mit einer Inszenierung des schönen Scheins provozieren?

Trump-Wähler*innen verprellt

WDR 5 Politikum - Kommentar 21.01.2021 02:03 Min. Verfügbar bis 21.01.2022 WDR 5 Von Gregor Peter Schmitz


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Redaktion: Isabel Reth

Stand: 21.01.2021, 16:08