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Morddrohungen als Volkssport

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Morddrohungen als Volkssport

Von Yassin Musharbash

Politiker, Schauspieler, Virologen: Wer in der Öffentlichkeit steht, bekommt immer häufiger Morddrohungen. Oft ist damit keine echte Gefahr verbunden, aber trotzdem sieht Yassin Musharbash bei dem Thema nur eine Option: null Toleranz.

Es ist keine Welle und keine Flut, es ist ein Ozean: Morddrohungen sind in Deutschland Alltag geworden. Gestern musste das Bundeskriminalamt die Abgeordneten des Bundestages warnen, weil in trüben Internet-Kanälen eine „Todesliste“ all jener Parlamentarier verbreitet wird, die für Corona-bedingte Ausgangsbeschränkungen gestimmt haben.

Sind Todesdrohungen im Internet der neue Leserbrief?

Davor war Günter Jauch dran, der mit dem Tode bedroht wird, weil er für Corona-Impfungen wirbt. Gleichzeitig traf es prominente Schauspieler, die in zynischen Videos die Corona-Politik kritisiert hatten. Und vergessen wir auch nicht die zwei ungeschickten Unternehmer, die im Fernsehen eine Erfindung namens Menstruationshandschuh präsentiert hatten. 

Was ist hier los? Sind Todesdrohungen im Internet heute, was einst der Leserbrief war? Ein Volkssport für Unzufriedene? Kein Anlass, kein Thema ist mehr zu nichtig. „Ich hab das ja nicht so gemeint“: das bekommt man fast immer zu hören, wenn einer, dem die Maus ausgerutscht ist, mal gefasst wird. 

 Die Angst der Adressaten ist real

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einem spätabends angetrunken in die Tastatur gekloppten Todeswunsch — und einem Szenario, in dem jemand seine Drohung mit ausrecherchierten Adressen anreichert oder schon Patronen besorgt hat. Aber zur Vergiftung des Klimas tragen beide Varianten bei. Die Angst der Adressaten ist in beiden Fällen real.

Experten sprechen mittlerweile von „stochastischem Terrorismus“: von der berechtigten Annahme, dass viele Fälle von Gewaltaufrufen dazu führen, dass mehr Versuche zu ihrer Umsetzung unternommen werden. Das gilt auch, wenn die Pulle Asbach Uralt den Finger geführt hat. 

Es kann nur eine Antwort geben: null Toleranz

Deshalb dürfen wir uns an die Inflation der Todesdrohungen nicht gewöhnen. Es kann nur eine Antwort geben: null Toleranz. Das bedeutet auch: Staatsanwälte dürfen sich nicht abschrecken lassen von der Komplexität von Ermittlungen im digitalen Raum. Nur fünf Tage, bevor die Bundestagsabgeordneten gewarnt werden mussten, berieten sie in erster Lesung ein Gesetz, das das Erstellen von „Feindeslisten“ strafbar machen soll. Gut so. Beziehungsweise: Jetzt erst recht! 

Morddrohungen als Volkssport

WDR 5 Politikum - Kommentar 29.04.2021 02:07 Min. Verfügbar bis 29.04.2022 WDR 5 Von Yassin Musharbash


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Redaktion: Morten Kansteiner

Stand: 29.04.2021, 11:52