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Verschwörung statt Wissenschaft

Schild auf Demonstration

Verschwörung statt Wissenschaft

Von Martina Schulte

Kritik müsen Wissenschaft und Politik aushalten, denn sie verkünden keine absoluten Wahrheiten und nehmen das für sich auch gar nicht in Anspruch. Nur durch offenen Dialog kann abstrusen Verschwörungstheorien Einhalt geboten werden. Verschwörungen sind nämlich keine Kritik. Sie entziehen sich der vernunftbegabten Argumentation. Was tun die Medien, was sollten sie tun, fragt sich Martina Schulte in der Medienkolumne.

In den sozialen Medien formiert sich gerade, wie Spiegel Online formuliert „in Sachen Corona eine Allianz des Schwachsinns. In Teilen gewaltbereit. C-Prominente mit Sehnsucht nach Aufmerksamkeit machen mit.“ Sie verbreiten über ihre Social Media Kanäle krude Theorien über eine angeblich von Bill Gates initiierte weltweite Zwangsimpfungs-Kampagne. Die These: Die Corona-Auflagen sind ein von einer dunklen, globalen „Elite“ geplanter Schritt in eine „Diktatur“. In der ersten Reihe der illustren Anti-Corona-Sturmtruppe marschieren hierzulande der Verfasser veganer Kochbücher, Attila Hildmann, Ex-Casting-Show-Chefmotivator Detlef D. Soost; nicht zu vergessen der ehemalige RBB Radiomoderator und heutige Youtube-Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen, Xavier Naidoo, einige erzkonservative katholische Bischöfe, Reichsbürger, Impfskeptiker sowie diverse Rechts- und Linksradikale.

Mehr Engagement im Kampf gegen „das Virus der Falschinformation“

Jetzt könnte man über diese seltsame Allianz einfach nur staunen oder herzlich lachen - wenn die Posts und Videos der Corona Influencer nicht auch von immer mehr Menschen aus der Mitte der Gesellschaft in ihren Social Media Timelines geteilt würden. Und weil auch in anderen Ländern der Welt gerade Ähnliches passiert haben sich internationale Forscher und Ärzte gerade in einer ganzseitigen Anzeigenseite in der New York Times an die Öffentlichkeit gewandt. Sie fordern von Facebook, Google, Twitter und Co mehr Engagement im Kampf gegen „das Virus der Falschinformation“. Sie schreiben: „Um Leben zu retten und das Vertrauen in die wissenschaftlich fundierte Gesundheitsversorgung wiederherzustellen, müssen die Tech-Giganten aufhören, die Lügen, Verdrehungen und Fantasien, die uns alle bedrohen, weiter anzufachen.“

Eine aktuelle Studie über die Corona-Verschwörungsmythen zeigt dass vor allem elf große Facebook-Seiten in Deutschland Corona-Falschinformationen an eine besonders große Followerschaft verbreiten. Darunter unter anderem das rechtsnationale Compact-Magazin, Anonymous Deutschland oder der russische Propagandakanal RT Deutsch. Der Kommunikationswissenschaftler Florian Meißner von der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf, sieht dabei „eine sehr hohe Überschneidung mit Seiten, die zuvor schon einschlägig für die Verbreitung von Falsch- und Desinformationen waren.“

Ängste lassen lieber an die einfachen Wahrheiten glauben

Dieser Infodemie aus im Netz haben die klassischen Medien nur wenig entgegenzusetzen. Zum einen weil die sogenannten Mainstreammedien in Verschwörer-Kreisen als Teil der Verschwörung wahrgenommen werden. Zum anderen weil Artikel mit wissenschaftliche Fakten nicht verfangen bei Menschen, die in einer komplexen und bedrohlichen Wirklichkeit angesichts eigener Ängste lieber an die einfachen Wahrheiten glauben.

Vielleicht  sollten die Medien in solchen Artikeln aber künftig noch viel stärker deutlich machen, dass die Erkenntnisse der befragten Wissenschaftler auch oft nur vorläufiger Natur sind, dass wir alle hier zusammen nur auf Sicht fliegen. In jedem Fall aber sollten wir alle wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, „das große Ganze im Blick behalten: Ein paar Hunderttausend teilen Nonsens, ein paar Hundert drehen durch, aber viele hundert Millionen Menschen begegnen der Krise ohne Paranoia und Verschwörungsglauben.“

Verschwörung statt Wissenschaft?

WDR 5 Politikum - Medienkolumne 13.05.2020 03:06 Min. Verfügbar bis 13.05.2021 WDR 5

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Redaktion: Willi Schlichting

Stand: 13.05.2020, 12:54