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Eine Nationalität erklärt keinen Mord

Ein Ersthelfer, der nach der tödlichen Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof vor Ort war, legt am Bahnsteig 7 Blumen nieder

Eine Nationalität erklärt keinen Mord

Von Christoph Sterz

Viele Medien haben schnell die Nationalität des mutmaßlichen Täters vom Frankfurter Bahnhof genannt. Aber dafür braucht es gute Gründe, sagt Christoph Sterz. Journalisten dürfen sich nicht einfach von einer Debatte treiben lassen.

Warum macht jemand sowas? Das ist eine legitime Frage bei einer schrecklichen Tat wie der vom Frankfurter Hauptbahnhof. Aber eine Antwort zu finden, ist nicht einfach. So als käme man ihr dadurch irgendwie näher, haben viele Medien sehr schnell die Nationalität des mutmaßlichen Täters genannt. „Wer dies mitteilt, schürt (…) keine Vorurteile, denn nach einer monströsen Tat wie der von Frankfurt hat die Allgemeinheit einen Anspruch, etwas zur Identität des Festgenommenen zu erfahren“, meint Detlef Esslinger in der Süddeutschen Zeitung.

Was hat eine bestimmte Nationalität zu sagen?

Und ja, die Allgemeinheit darf und soll erfahren, was die Hintergründe einer Gewalttat sind. Aber was hat eine bestimmte Nationalität zu sagen? Es wird niemand allein deswegen zum Mörder, weil er Schwede, Australier, Deutscher oder eben Eritreer ist. „BILD, n-tv, Focus und Co. können die Herkunft des mutmaßlichen Täters nicht schnell genug erfahren, weil sie niedere Bedürfnisse der Leser und die eigenen Klickzahlen bedienen wollen. Die Frage, welche Relevanz die Nationalität bei dieser Tat hat, können sie nicht beantworten. Wichtig ist nur, dass geklickt und gehasst wird. Ganz stumpf“, twittert der Journalist Marvin Mendel.

Das führt sogar dazu, berichtet die Frankfurter Rundschau, dass die meistgestellte Journalisten-Frage an den Sprecher der Polizei ist, welche Nationalität der Täter hat. Dabei muss es gute Gründe geben, um die Herkunft von Täterinnen und Tätern zu nennen. In den Regeln des Pressekodex steht zum Beispiel, dass dafür ein „begründetes öffentliches Interesse“ bestehen muss. Ines Pohl, die Chefredakteurin der Deutschen Welle, definiert das recht weit, wenn sie schreibt: „Manche Medien werden Rassismen befeuern, weil es Aufmerksamkeit bringt – und Umsatz. Das ist verwerflich (...). Und dennoch gibt es diese Debatte, die man nur einordnen kann, wenn man weiß, dass der Täter aus Eritrea kommt – und damit auch seine Herkunft zu jener ganzen Wahrheit gehört, der wir verpflichtet sind.“

 Journalisten sollten sich auf ihr Handwerk konzentrieren

Dabei dürfen sich Journalistinnen und Journalisten eben nicht treiben lassen von einer Debatte, müssen ruhig und besonnen abwägen, welche Informationen sie veröffentlichen und welche nicht – und müssen sich auch fragen, ob sie der Nationalität eines mutmaßlichen Täters wirklich eine so große Bedeutung beimessen wollen, wie dies in dieser Woche vielfach geschehen ist.

„Unsere Aufgabe ist es, Wichtiges zu berichten, wenn wir uns sicher sind. Unsere Aufgabe ist es nicht, mit Bruchstücken von Informationen zu spekulieren. Wir folgen den Regeln unseres Handwerks. Unsere Meldungen müssen anderen Maßstäben genügen als ein Post in einem sozialen Netzwerk“, kommentiert Marco Bertolaso im Deutschlandfunk. Journalisten sollten sich dementsprechend wieder mehr auf ihr Handwerk konzentrieren – und weniger auf laute rechte Pöbler. Denn sonst bestimmen die irgendwann endgültig die öffentlichen Debatten.

Eine Nationalität macht keinen Mörder

WDR 5 Politikum - Medienkolumne 31.07.2019 02:49 Min. Verfügbar bis 30.07.2020 WDR 5 Von Christoph Sterz

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Redaktion: Morten Kansteiner

Stand: 31.07.2019, 14:18