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Künstler auf sich allein gestellt

Innokenti Baranov, Maler, steht am 08.12.2020 in seinem Atelier, welches in einem aufgrund des Teil-Lockdowns für Publikumsverkehr geschlossenen Raum des Cafes und Ausstellungsortes Berio in Berlin-Schöneberg eingerichtet ist

Künstler auf sich allein gestellt

Von Mithu Sanyal

Freischaffende Künstler haben es schwer in der Krise. Gerade kündigt die Künstlersozialkasse vielen Versicherten, weil sie während Corona zu wenige Einkünfte aus künstlerischer Arbeit haben. Wo bleibt die Solidarität? fragt Mithu Sanyal.

Liebe Angela Merkel,
lassen Sie uns über Versicherungen reden. Gibt es nichts Wichtigeres – und vor allem Interessanteres – in diesen Zeiten von Pandemie und ... Pandemie? Doch genau darum geht es. Künstler*innen gehörten zu den ersten, die von den Lockdowns betroffen waren. Ja, auch vom Lockdown Light. Bevor der Einzelhandel schließen musste, wurden Lesungen und Konzerte abgesagt und Ausstellungen, die monatelang konzipiert wurden, gar nicht erst eröffnet. Mit der Folge, dass Künstler*innen gucken mussten, wie sie ihre Miete bezahlen und ihre Kinder ernähren konnten.

Umgang mit Künstlern ist zynisch

Wie eine Kollegin von mir. Sie sah sich deshalb gezwungen,  einen Nebenjob als Fremdsprachen-Lehrerin anzunehmen und flog promt aus der Künstler-sozialkasse (KSK) heraus, der Kranken- und Rentenversicherung für Künstler. Da man dort nicht mehr als 450 Euro im Monat aus nicht-künstlerischer Arbeit verdienen darf. Bloß darf man zur Zeit auch kein Geld aus künstlerischer Arbeit verdienen. Und damit ist sie nicht die einzige.

In den letzten Wochen erreichen mich immer mehr Nachrichten von Kolleg*innen, die plötzlich nicht mehr krankenversichert sind, weil sie für die KSK zu wenig als Künstler*innen verdienen und für die privaten Krankenkassen schlicht zu wenig. Das fine ich ganz schön zynisch in Zeiten von: Wir müssen jetzt alle solidarisch sein! Noch zynischer ist, dass man in der Regel nachweisen muss in der Künstlersozialkasse zu sein, um überhaupt die Coronahilfen für Künstler*innen zu bekommen.

Machen Sie die Künstlersozialkasse sozial

Frau Merkel, deshalb bitte ich Sie, sprechen Sie doch ... ach, ich habe die Nase voll von Machtworten … ein Wort der Güte mit der Künstlersozialkasse, damit sie ihrem Namen alle Ehre macht und sozial wird. Schließlich ist sie überhaupt erst durch die Initiative ihres Vorvorgängers Helmut Schmidt ins Leben gerufen worden, nachdem der Künstlerbericht der Bundesregierung 1975 erkannte hatte, dass Kunst zu machen, ein verdammt unregelmäßiges Einkommen bedeutet.

Normale Krankenkassen dagegen berechnen Mindestbeiträge, die ein großer Teil der Künstler*innen schlicht nicht aufbringen kann, erklärten Schriftsteller wie Dieter Lattmann und Günter Grass. Und die Politiker*innen hörten ihnen zu! Die Szenen im Bundestag damals waren so emotional: Wir brauchen die Künstler und wenn wir nichts tun, dann haben wir bald keine mehr.

Menschen müssen von Kunst und Kultur leben können

Deutschland ist ja nicht das Land der Dichter und Denker, weil wir so viel klüger sind als alle anderen, sondern weil wir es Menschen ermöglichen, von ihrer künstlerischen Arbeit zu leben. Und das muss so bleiben, liebe Frau Merkel.

Künstler auf sich allein gestellt

WDR 5 Politikum - Kommentar 14.01.2021 02:16 Min. Verfügbar bis 14.01.2022 WDR 5 Von Mithu Sanyal


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Redaktion: Consuelo Squillante

Stand: 14.01.2021, 15:52