Musterung

Kriegsopfer Pazifismus

Stand: 08.03.2022, 17:22 Uhr

100 Milliarden für die Bundeswehr! Muss die Wehrpflicht wieder eingeführt werden? Sollte die NATO sich einmischen? Bei all den Diskussionen, die seit Kriegsbeginn in der Ukraine geführt werden, meint Mithu Sanyal, darf man nicht nur über Pazifismus sprechen. Man muss.

Von Mithu Sanyal

Ich erkenne mein Land nicht wieder! Wie kann es sein, dass Deutschland plötzlich wieder offen über unsere Rolle in einem Krieg spricht? Ich bin noch mit dem Glauben aufgewachsen, dass wir ein pazifistisches Land sind.

Reaktivierung der Wehrpflicht?

Versteht mich nicht falsch. Ich sehe, dass wir eine besondere Situation haben. Das, was gerade in der Ukraine passiert, ist entsetzlich. Und das können wir nicht einfach ignorieren.

Trotzdem finde ich es unredlich, dass der Krieg in der Ukraine als Argument missbraucht wird, der Bundeswehr einfach mal 100 Milliarden Euro zuzuschustern – wegen unserer Sicherheit. Das ist so viel Geld, dass davon alle Pflegekräfte in Krankenhäusern ein ihre Arbeit wertschätzendes Gehalt bekommen könnten und immer noch ein Batzen übrig bliebe. Das würde mir ein Gefühl der Sicherheit geben! Und nicht, dass ab jetzt 2% unseres Bruttoinlandsprodukts ins Militär fließen sollen.

Abgesehen davon, nutzt das der Ukraine herzlich wenig. Genauso wenig wie die Diskussion, die Wehrpflicht wieder einzuführen. Wenn Deutschland die Wehrpflicht wiedereinführt, wandere ich aus! Ich lasse meinen Sohn nicht zum Militär. Zu einem Militär, das sich wieder aktiv an Kriegen beteiligt.

Aber Mithu, Jugendliche könnten ja auch einen Ersatzdienst machen. Zum Beispiel in einem deiner heißgeliebten Krankenhäuser.

Ach ja? Und wie lange gilt das? Unsere Politiker sind gut darin, ihre Versprechen zu brechen. Wir waren mal die Nation, die gesagt hat: Nie wieder Krieg! Und dafür gab es gute Gründe!

Wo bleiben unsere Prinzipien?

Aber wir haben uns doch auch schon am Kosovo Krieg beteiligt.

Genau das meine ich damit, wenn ich sage, dass unsere Politiker gut darin sind ihr Wort zu brechen!

Wenn wir uns jetzt noch militärisch komplett neu aufstellen, wenn wir damit also die Prinzipien, die uns jahrzehntelang geleitet haben, über Bord werfen, dann dürfen wir das nicht unter dem emotionalen Schock der Situation in der Ukraine machen. Dann müssen wir das gesamtgesellschaftlich verhandeln. Denn das wäre ein neuer Gesellschaftsvertrag.

Wie wäre es damit, wenn wir unsere Energie statt dessen in andere Wege investieren, Konflikte zu lösen, als mehr Waffen zu kaufen? Denn, wenn diese Waffen erstmal da sind, werden sie auch benutzt werden. Darf man in diesen Zeiten überhaupt über Pazifismus sprechen? Ich finde, man muss!

Kriegsopfer Pazifismus

WDR 5 Politikum - Kommentar 08.03.2022 02:07 Min. Verfügbar bis 08.03.2023 WDR 5 Von Mithu Sanyal


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Redaktion: Kerstin Steinbrecher