Entfesselter Rassismus

Eine Demonstrantin hält in El Paso, Texas, ein Transparent mit der Aufschrift "Make racists afraid again"

Entfesselter Rassismus

Von Gregor Peter Schmitz

Der Rassismus in den USA wird zwar von Donald Trump angeheizt. Aber auch Barack Obama konnte das Land nicht einen, weil die Ressentiments strukturell begründet sind, kommentiert Gregor Peter Schmitz.

Es sah alles so einfach aus, so eindeutig: Am selben Tag, an dem Bilder um die Welt rasten, auf denen zwei – weiße – Polizisten, hoch zu Ross, einen gefesselten Schwarzen fast wie im Western an einem Strick abführen, verstarb auch Toni Morrison. Und also gingen auch wieder die Bilder um die Welt, wie die legendäre schwarze Autorin vor einigen Jahren aus den Händen des damaligen US-Präsidenten Barack Obama die „Medal of Freedom“ erhalten hatte, die höchste zivile Auszeichnung der USA.

Trump als Mitschuldiger?

Demütigung heute versus Würdigung damals. Liegt da nicht nahe, sich nach der guten alten Zeit zurück zu sehnen, als ein schwarzer Mann im Weißen Haus residierte, statt von Polizisten gedemütigt zu werden? Und ist es nicht vor allem die Schuld von Obamas Nachfolger Donald Trump, dass es so weit gekommen ist? Immerhin hat der doch gerade erst eine Stadt, die mehrheitlich von Schwarzen bewohnt wird, als „Rattennest“ beschimpft?

 Hat er nicht vor kurzem erst dunkelhäutigen – aber in den USA geborenen – Kongressabgeordneten geraten, in ihre Heimat zurück zu kehren? Und fiel es ihm eben nicht extrem schwer, Mitleid zu heucheln, als Latinos an der Grenze zu Mexiko erschossen wurden?  

Auch Obama konnte USA nicht einen

Doch wer Amerikas Rassismus-Problem auf Trump reduziert, macht es sich viel zu einfach. Gewiss, dessen Rhetorik entzweit die Vereinigten Staaten jeden Tag mehr. Doch selbst Obama hat das Land nie wirklich zusammengeführt, aller anfänglichen Euphorie zum Trotz. Gewiss, er war eine Symbolfigur gerade für die aufstrebende schwarze Mittelschicht – dass wirklich alles möglich ist in den USA. Aber für das Schicksal der ärmeren Bevölkerungsschichten konnte Obama trotz mancher Anstrengungen wenig ausrichten.

Noch immer liegt deren Armutsanteil rund dreimal so hoch wie bei Weißen, noch immer landet rein statistisch jeder dritte schwarze Mann irgendwann im Knast. Noch immer konzentrieren sich Gewalt und Verelendung auf schwarze Viertel gerade in Amerikas Großstädten.

Rassismus ist strukturell bedingt

Die Gründe für diese Spaltung füllen akademische Bücherregale, die genaue Ursachenforschung ist soziologisch umstritten. Fest steht aber: Trump hat diese Stimmung angeheizt, genauso wie er Sexismus gegen seine Rivalin Hillary Clinton geschürt hat. Er tut dies auch weiterhin, etwa wenn er den Anstieg gewaltbereiten weißen Nationalismus‘ systematisch verharmlost.

Aber die Angst vor dem Verschwinden des weißen Einflusses wird größer werden. Denn schon in wenigen Jahrzehnten dürften statt der Weißen die Hispanos die größte Bevölkerungsgruppe sein. Und auch die Benachteiligung der Afro-Amerikaner ist nicht an Personen gebunden. Beides ist strukturell begründet – und wird bleiben, auch wenn Trump nicht mehr im Weißen Haus wohnt.

Entfesselter US-Rassismus

WDR 5 Politikum - Kommentar 08.08.2019 02:51 Min. Verfügbar bis 07.08.2020 WDR 5

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Redaktion: Isabel Reth

Stand: 08.08.2019, 13:59