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Missbrauch begehen nicht einzelne Monster

Die Angeklagten Mario S. (l) und Andreas V. stehen im Gerichtssaal des Landgerichts

Missbrauch begehen nicht einzelne Monster

Von Christian Füller

Aus dem Missbrauchsfall in Lügde kann man einiges lernen, findet Christian Füller. Täter kommen in der Regel als freundliche Mitmenschen daher. Und um solche Verbrechen zu begehen, braucht man ein Umfeld, das wegschaut.

Die beiden Missbrauchstäter aus Lügde sind verurteilt. Sie müssen für viele Jahre hinter Gitter, danach in Sicherungsverwahrung. Die Monster, die hundertfach Mädchen vergewaltigten und sich dabei filmten, sind weggesperrt. Das ist die Haltung der meisten Bürger - und sie ist doppelt falsch.

Die Täter sind mitten unter uns

Erstens war Andreas V. nicht nur ein Scheusal, sondern in den meisten Situationen ein unauffälliger Mitmensch, dem viele - selbst die Behörden! - Kinder anvertrauten; das bedeutet, die Täter sind mitten unter uns, sie begegnen uns als normale Menschen und nicht als Monster.

Zweitens tragen die bisher identifizierten Täter nicht die alleinige Schuld. Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen, so lautet ein geflügeltes Wort. Das gleiche gilt für Missbrauch. Man braucht ein ganzes Soziotop, um Kinder sexuell auszubeuten, man braucht Mitwisser, Kollaborateure und Verschweiger.

Wie viele Menschen haben geahnt, was den Kindern angetan wird?

Was wir aus Lügde lernen können ist also nicht die seelische Grausamkeit von Missbrauchern; die kannten wir bereits. Was uns stutzig machen muss: wie viele Menschen haben geahnt oder gar gewusst, dass Kindern in der Camperbutze sexuelle Gewalt angetan wird - und haben geschwiegen, statt anzuzeigen, haben in Akten notiert, anstatt aufzuschreien, haben den Weg des geringsten Widerstands gewählt, statt für die Würde des Kindes einzutreten?

Das Problem beginnt im sozialen Umfeld und setzt sich in Institutionen fort. Beinahe zeitgleich zum Urteil von Lügde hat der Unabhängige Missbrauchsbeauftragte in Berlin schärfere Regeln für Schulen, Sportvereine und Krankenhäuser gefordert.

Institutionen müssten Herz und Mut zeigen

Liest man die Ratschläge des Berliner Aufklärers, so verliert man sich schnell in Tabellen und Kriterienkatalogen. Dabei kann man recht einfach fassen, was Institutionen lernen müssen: sie müssen empathischer werden, kurz sie müssen Herz und Mut zeigen.

Leider können Institutionen das gar nicht, ganz im Gegenteil, sie sind gegen Zweifler, sie müssen funktionieren. Allein Menschen besitzen Herz. Also Kollegen, Mit-Camper, Lehrer usw., die so sensibel wie aufmerksam sind - und mit viel Courage ausgestattet. In jeder Institution, in der es Kinder gibt, müssen Menschen zuhören, glauben - und dann unerbittlich sagen: das darf nicht sein!

Und natürlich können ihnen dabei Fortbildungen helfen, Handlungsempfehlungen und Beratungsangebote. Aber mindestens ebenso wichtig ist die Erkenntnis aus einem Fall wie Lügde: Die Täter sind keine Monster, sondern nette Menschen von nebenan.

Missbrauch begehen nicht einzelne Monster

WDR 5 Politikum - Kommentar 05.09.2019 02:35 Min. Verfügbar bis 04.09.2020 WDR 5

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Redaktion: Morten Kansteiner

Stand: 05.09.2019, 14:30