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Demonstrativ bei Söder

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder fahren mit einem Schiff auf die Insel Herrenchiemsee

Demonstrativ bei Söder

Von Peter Zudeick

Zwischen ihren Präsidentschafts-Terminen mit Giuseppe Conte und Pedro Sánchez gibt Angela Merkel CSU-Chef Söder am Chiemsee die Ehre. Das hat schon demonstrativen Charakter und macht Armin Laschet Druck, kommentiert Peter Zudeick.

Das hat schon was: Nach dem Treffen mit dem italienischen und vor dem mit dem spanischen Ministerpräsidenten saust die Kanzlerin mal eben zum Chiemsee, um dem bayerischen Regierungschef ihre Aufwartung zu machen. Söder zwischen Conte und Sánchez, sozusagen. Warum tut sie das?

Fototermin mit hoher Symbolkraft

Es gibt nichts, was jetzt so dringend zwischen den beiden besprochen werden müsste. Ja, gut, die Corona-Krise, die Ratspräsidentschaft, aber das hätte man auch im Kanzleramt in Berlin erledigen können. Tatsächlich ist Herrenchiemsee ein Fototermin der gehobenen Art: Zuerst mit dem Bötchen auf die Insel, dann mit der Kutsche zum Schloss, alles schön repräsentativ und hochsymbolisch. Da werden die Bilder geliefert, zu denen wir dann die Geschichte schreiben sollen: Die Kanzlerin und der Mann, der kein Kandidat sein will, aber die Statur dazu hat.

Wohlgemerkt: Das ist nicht Angela Merkels Geschichte. Die Einladung kam von Söder, den Ort hat Söder ausgewählt, den Zeitpunkt auch. Aber sie hätte nicht  zustimmen müssen. Wäre sie noch CDU-Vorsitzende, dann wäre der Besuch eine freundliche Geste für die Schwesterpartei gewesen. So aber wird er zu einer politischen Demonstration: Seht her, hier treffen sich zwei Menschen, die zumindest in einer vorsichtig-stringenten Corona-Politik einer Meinung sind und sich nicht alle paar Tage durch eine neue Studie von ihrem Weg abbringen lassen.

Nicht Merkel entscheidet über Kanzlerkandidatur

Natürlich schießen jetzt noch ganz andere Spekulationen ins Kraut. Nach dem Motto: Mit diesem Quasi-Staatsbesuch demonstriert Merkel, dass sie Söder für den geeigneten Nachfolger hält. Möglicherweise nimmt sie diese Interpretation billigend in Kauf. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie ihren eigenen Leuten, den Nachfolgekandidaten in der CDU, mal ein bisschen Dampf machen will.

Denn bei aller Lust am Spekulieren darf eins nicht vergessen werden: Nicht Angela Merkel, sondern der oder die neue CDU-Vorsitzende spricht das entscheidende Wort über eine Kanzlerkandidatur. Zunächst in der CDU selbst, dann im Gespräch mit der CSU. Das alles passiert Anfang Dezember, also in einem knappen halben Jahr. Und da wird die Kutschfahrt auf Herrenchiemsee nur noch eine blasse Erinnerung sein. 

Demonstrativ bei Söder

WDR 5 Politikum - Kommentar 14.07.2020 02:12 Min. Verfügbar bis 14.07.2021 WDR 5 Von Peter Zudeick

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Redaktion: Isabel Reth

Stand: 14.07.2020, 15:54