In Krisen dürfen Frauen führen

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer am 19.02.2018 zu Beginn der CDU-Vorstandssitzung

In Krisen dürfen Frauen führen

Von Sabine Henkel

Angela Merkel hat die CDU aus der Spendenaffäre herausgeführt. Und auch die aktuellen Probleme der Volksparteien sollen jetzt Frauen lösen. Sabine Henkel ist beeindruckt, wie bereitwillig Männer in Notlagen auf Macht verzichten.

Merkels Mädchen. Was für eine Alliteration, die da ein politischer Korrespondent bemüht. Gemeint ist Annegret Kramp-Karrenbauer, die jetzt von Kohls Mädchen lernen soll. Also von Merkel.

Was steckt dahinter? Zum einen eine typisch männliche Rhetorik. Merkels Mädchen! Hat irgendjemand jemals von Gabriels Bübchen gesprochen, als Martin Schulz übernahm? Natürlich nicht. Hätte gleichwohl auch für größtes Gelächter gesorgt. Warum bloß?

Es steckt aber auch noch etwas ganz anderes im Berliner Personalwechsel. Die CDU ist angezählt, die SPD im freien Umfragefall. Das beschreibt genau das Umfeld, in dem Frauen an die Macht dürfen. Oh. Ich sehe schon vor meinem geistigen Auge, wie der ein oder andere sich an die Stirn tippt. Aber es ist doch so: Hätte Sigmar Gabriel den SPD-Vorsitz abgegeben, wenn er auch nur die geringste Chance gewittert hätte, Kanzler zu werden?! Na also.

Nahles kehrt die Trümmer-Partei zusammen

Martin Schulz hat sich in seiner bundespolitischen Unerfahrenheit von Gabriel ins Bockshorn jagen lassen. Und erlebte ein persönliches und politisches Desaster. Und wer übernimmt jetzt die 16-Prozent-SPD? Olaf Scholz? Michael Groschek? Heiko Maas? Nein. Sie macht es: Andrea Nahles!

Und nur mal ganz kurz angenommen, die SPD würde bei 26 oder gar 36 Prozent liegen – das fällt schwer, ich weiß, aber wenn wir uns das mit aller Kraft kurz vorstellen: Wer würde dann nicht alles SPD-Chef bleiben oder werden wollen!?

Dass es aber Frau Nahles ist, die die Trümmer-Partei zusammenkehren darf, folgt dem Mechanismus der Gläsernen Klippe. So nennen britische Forscher das Phänomen, dass in Krisenzeiten häufig Frauen führen dürfen: die Erfolgsaussichten sind gering, Männer haben deshalb kein Interesse. So durfte Theresa May übernehmen als Cameron zurücktrat – und Boris Johnson die Mission Brexit zu heikel war.

"Kann die das?"

Und auch Merkel kam an die Partei-Spitze als es um die CDU nicht gut bestellt war - im Jahr 2000 als Koch, Wulff und Oettinger nicht wollten und Schäuble sich nicht aus den Stricken der Spendenaffäre befreien konnte. Die Kanzlerkandidatur dienten die Männer aber zunächst Edmund Stoiber an, Merkel bekam den zweiten Aufschlag. Kann die das, fragte Gerhard Schröder aggro-suggestiv? Und wusste die meisten Alpha-Männer hinter sich im weitverbreiteten Vorurteil: natürlich kann die das nicht! Aber sie konnte – und wie!

Mit Annegret Kramp-Karrenbauer bereitet Merkel jetzt etwas ganz Neues vor: Die Übergabe von Frau zu Frau. Wer AKK als „Merkels Mädchen“ abwertet zeigt nur auf, welch langen Weg diese Republik noch zu gehen hat.

In Krisen dürfen Frauen führen

WDR 5 Politikum - Kommentar | 20.02.2018 | 02:49 Min.

Download

Redaktion: Isabel Reth

Stand: 20.02.2018, 15:27