Live hören
Jetzt läuft: Segundo von Pink Martini

Grüne Kommunikationsstrategie

Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, und Kanzlerkandidatin nimmt an einer Pressekonferenz teil. Sie steht vor einer grünen Wand mit Logo der Partei, vor ihr ein Kameramann.

Grüne Kommunikationsstrategie

Von Peter Zudeick

Kurzstreckenflüge, Benzinpreiserhöhung, Veggie Day: Immer stehen die Grünen im Verdacht, Dinge wahlweise zu verbieten oder unerschwinglich teuer zu machen. Das liegt nicht in der Sache begründet - sondern zeigt ein Kommunikationsstrategiedefizit, meint Peter Zudeick.

„Wir haben ein Kommunikationsproblem“, meinte Joschka Fischer, damals Fraktionschef der Grünen im Bundestag, im April 1998. Ein paar Wochen vorher hatte der Grünen-Parteitag in Magdeburg eine Erhöhung des Benzinpreises auf fünf Mark für die nächsten zehn Jahre beschlossen. Eine kommunikative Katastrophe, denn bei den Wählern, so Fischer, sei angekommen, Autofahren wäre nur noch für Reiche möglich, wenn die Grünen mitregierten.

1998 hat die Grünen wieder eingeholt

Haben die Grünen also nichts dazugelernt? Benzinpreiserhöhung um 16 Cent, das hat sich Annalena Baerbock im „Bild“-Zeitungs-Fernsehen entlocken lassen. Naja, hat sie nicht. Sie hat lediglich bestätigt, was Robert Habeck auch schon gesagt hat, dass Benzin nämlich nach der Erhöhung Anfang dieses Jahres um sechs Cent schrittweise weiter teurer wird. Und zwar auf bis zu 14 bis 16 Cent. Und nicht um 16 Cent.

Macht nichts, 16 Cent sind ein rotes Tuch, und schon tobt Amira Mohamed Ali von der Linkspartei, spricht von „Spaltung der Gesellschaft“ und von „unerträglicher Arroganz“, mit der Frau Baerbock auf Menschen mit kleinen Einkommen schaue. Und schon hat 1998 die Grünen wieder eingeholt.

Und wie soll das finanziert werden?

Hätte sie doch wenigstens gesagt, dass die Grünen die kleinen Leute entlasten wollen. Irgendwie. Das hätte vielleicht schon gereicht. Das Dumme ist nur: Sie hat es gesagt. Ausdrücklich. Familien mit geringen Einkommen sollen pro Jahr und Kopf ein „Energiegeld“ von 75 Euro bekommen.

Wenn Benzin zum Beispiel zehn Cent mehr kostet, ergäbe das eine Mehrbelastung von bis zu 100 Euro im Jahr. Das könnte durch das Energiegeld mehr als ausgeglichen werden. Und wie soll das finanziert werden? Durch die Mehreinnahmen des Staates aus den höheren CO²-Preisen.

Probleme mit der Kommunikationsstrategie

Das alles hat sie gesagt, die Frau Baerbock. Nur nicht im „Bild“-Fernsehen, sondern zwei Tage vorher bei einem Wahlkampfauftritt in Magdeburg. Woraus wir lernen: Die Grünen haben kein Kommunikationsproblem, sondern ein Problem mit der Kommunikationsstrategie. Denn die muss heißen: Wenn vom Essen, von Waffen, von Benzinpreisen die Rede ist, immer das komplette Besteck auspacken, nie nur Andeutungen machen, nie mehrdeutige Begriffe benutzen. Sonst kommen die Vereinfacher und drehen einen Strick daraus.

Grüne Kommunikationsstrategie

WDR 5 Politikum - Kommentar 01.06.2021 02:21 Min. Verfügbar bis 01.06.2022 WDR 5 Von Peter Zudeick


Download

Redaktion: Kerstin Steinbrecher

Stand: 01.06.2021, 16:03