Live hören
Jetzt läuft: This sweet love von James Yuill

2015 wiederholt sich nicht

Migranten an der griechisch-türkischen Grenze

2015 wiederholt sich nicht

Von Christoph von Marschall

Die Lage an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei erinnert viele an das Jahr 2015. Aber Europa funktioniert heute anders, sagt Christoph von Marschall: Unter anderem hat Deutschland weniger Einfluss auf das Geschehen.

Auch hier gilt Platos Weisheit: Man steigt nicht zwei Mal in den selben Fluss. Vieles ist 2020 anders als 2015. Erstens kommt die Krise nicht unerwartet. Deutschland und Europa haben Erfahrungen gesammelt und Lehren daraus gezogen. Zu denen gehört, dass sich 2015 nicht wiederholen darf. Nicht noch einmal eine Million Zufluchtsuchende in wenigen Monaten!

Griechenlands Reaktion ist das Gegenteil zu 2015

Zweitens reagiert Griechenland, das entscheidende Land an der Außengrenze der EU, heute anders. Das gilt ebenso für die Transitländer auf dem Weg nach Deutschland. Damals versuchten sie erst gar nicht, die Flüchtlinge aufzuhalten. Sie ließen sie ins Land und wiesen ihnen den Weg nach Norden mit der Begründung: Die wollen doch eh alle nach Deutschland.

Heute bemüht sich Griechenland, die Außengrenze der EU zu sichern. Mit Stacheldraht und Tränengas. Es sind hässliche Bilder. Sie schrecken aber auch Migranten ab. Zudem hat Athen die EU um Hilfe gebeten – Frontex unterstützt den Grenzschutz.

Deutschland kann keine Alleingänge mehr wagen

Drittens hat Angela Merkel aus 2015 gelernt. Sie wird die Flüchtlinge kein zweites Mal nach Deutschland einladen. Das würden die Bürger nicht mitmachen. Sie weiß auch: Sie hat keine Verbündeten dafür in Europa. Selbst wenn sie die Regierungen in Österreich und den Balkanstaaten anriefe und bäte, die Menschen durchzulassen, würden Kanzler Kurz und Kollegen das wohl nicht tun. Deutschland kann Europa die Flüchtlingspolitik nicht mehr vorgeben. Auch das hat sich geändert.

Grenzschutz allein löst Europas Probleme nicht

Nur: Ist das die Lösung? Hart bleiben, Grenzen und Herzen verschließen? Natürlich nicht. Flüchtlinge werden weiter nach Europa drängen, solange sich die Lage in Syrien und anderen Bürgerkriegsländern nicht bessert. Europa muss Druck auf Putin und Erdogan ausüben, die Kämpfe um die Stadt Idlib und um die Kontrolle Nordsyriens zu beenden. Und es muss Erdogan parallel mehr Hilfe für die Versorgung der Flüchtlinge in der Türkei geben.

2015 wiederholt sich nicht

WDR 5 Politikum - Kommentar 02.03.2020 01:57 Min. Verfügbar bis 02.03.2021 WDR 5

Download

Redaktion: Morten Kansteiner

Stand: 02.03.2020, 14:14