EU sollte Briten entgegenkommen

Die britische Premierministerin Theresa May neben EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am 20.09.2018 auf dem EU-Gipfel in Salzburg

EU sollte Briten entgegenkommen

Von Sandra Pfister

Nach und nach wird greifbar, wie ein ungepufferter Brexit die britische Wirtschaft träfe. Und nicht nur die: Auch aus Sicht der EU gäbe es viele Gründe, endlich lösungsorientierter zu verhandeln, meint Sandra Pfister.

Das Pfund geht den Bach runter. Firmen wandern ab. Die Arbeitslosigkeit in Großbritannien steigt. Das sind die Menetekel, die beseelte Europäer gerne an die Wand malen, wenn es um den Brexit geht. Oft mit klammheimlicher Schadenfreude: Wer die kuschelige Wohngemeinschaft freiwillig verlässt, soll spüren, wie kalt es draußen ist. Die Häme wird mit dem Sachargument bemäntelt, dass man den Briten bloß nicht zu weit entgegenkommen dürfe: Sonst seien solche Absatzbewegungen ansteckend.

Damit pokert die EU hoch. Denn die Annahme, dass es einem selbst hilft, ein anderes Land zu schwächen, ist von vorvorgestern.

Die Deutschen haben besonders viel zu verlieren

Schon wirtschaftlich: Die EU exportiert nach Großbritannien viel mehr als umgekehrt. Handelsbarrieren und Briten, die weniger Geld in der Tasche haben – das wird europäische Firmen hart treffen. Insbesondere die deutschen. Wenn Mini und Rolls Royce gerade ankündigen, sie werden nach dem Brexit wohl in Schwierigkeiten geraten, dann leiden hier nicht nur Briten: hier leidet vor allem BMW. Mini und Rolls Royce sind längst in bayerischer Hand. Und jedes fünfte Auto, das deutsche Hersteller exportieren, geht nach Großbritannien. Großbritannien ist für die deutsche Kernindustrie das wichtigste Exportland.

Die Deutschen – mit Automobil- und Chemieindustrie – sind nach den Briten diejenigen, die bei einem ungepufferten Brexit besonders viel zu verlieren haben. Manche Institute sagen: bis zu drei Prozent unserer Wirtschaftsleistung. Das wird auch andere Europäer anstecken.

Großbritannien als Steuerparadies der Zukunft?

Und dann geht auch das Lieblingsargument der Vertreter einer harten EU-Linie den Bach runter: Dann nämlich verdirbt nicht der wirtschaftliche Niedergang der Briten anderen Mitgliedsstaaten den Appetit auf Extratouren; er heizt diesen Appetit sogar noch an, weil die EU wirtschaftlich schwächelt. Das könnte umso mehr der Fall sein, falls Großbritannien zu einem riesigen Steuerparadies mutiert: Viele Brexiteers träumen nur davon.

Mal abgesehen davon, dass Europa die Briten auch als Verbündete gegen Trump, Putin oder China nicht verprellen sollte, muss Brüssel hier auch zeigen, wie ernst es seine liberalen, demokratischen Werte tatsächlich nimmt. Die Gemeinschaft darf ein Mitglied, das einen demokratisch legitimierten Ausstieg will, nicht über Gebühr für diesen Schritt "bestrafen". Es ist leicht auszumalen, wie eine derart unerbittliche Haltung von den Anti-EU-Parteien überall in Europa ausgeschlachtet würde. Denn nur zwei Monate nach dem Brexit Ende März finden Europawahlen statt. Wenn London gedemütigt wird, lachen sich die ins Fäustchen, die die EU schwächen wollen.

EU sollte Briten entgegenkommen

WDR 5 Politikum - Kommentar | 20.09.2018 | 02:52 Min.

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Redaktion: Morten Kansteiner

Stand: 20.09.2018, 16:16